[dag]: Winterleid

17. März 2006, 21:48
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Seit 114 Tagen wurde der Mantel nie mehr in den Schrank zurückgehängt

Wenn man an einem 10. März, gehüllt in ein und denselben Mantel, den man 114 Tage vorher unter schwerem seelischen Kummer seinem hintersten, für Klimakatastrophen vorgesehenen Fach im Kleiderschrank entnommen und nie mehr zurückgehängt hat, wenn man an diesem 10. März mit knirschenden, splittgepiercten Schuhsohlen durch den Westwindkanal einer in Grau gehaltenen, kaltgepressten, schmieröligen Gatschpromenade namens Thaliastraße watet, wenn man noch geschickt jenes schräg gestellte Gestänge umgeht, welches so tut, als sei zu verhindern, dass der ex-weiße Dreck im fünften Monat in unheilvollen Schüben von den Dächern flutscht - und schon ist man Opfer, schon kriecht ein von Tauben garnierter staub- und bleikristallener Weicheisbatzen über das Hinterhaupt und rieselt die Halswirbel entlang, ehe er mit dem erstarrten Rückgrat verschmilzt -, wenn einem solches am 10. März widerfährt, dann gibt es drei Möglichkeiten:

Entweder man rastet aus. Oder man wandert aus. Oder man zieht aufs Land und setzt auf Theodor Storm, der da einst dichtete: "Und es leuchten Wald und Heide, dass man sicher glauben mag: hinter allem Winterleide liegt ein ferner Frühlingstag." (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 13.3.2006)

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