Die Rückkehr der Russen

22. März 2006, 10:47
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Wladimir Putin sucht im und über den Sport den Weg zurück zu alter Größe

Die politischen und ökonomischen Erfolge der vergangenen Jahre hatten, so erhob es zumindest das US-amerikanische Global Market Institute in einer Studie, überhaupt keine Auswirkungen auf die weltweite Reputation Russlands. Wofür man Russland aber wie einst vor 30 Jahren die alte Sowjetunion schätzt, sind der Sport, das Ballett und die Wissenschaft. 663 Milliarden Dollar wäre die Marke "Russland" wert, gehörte sie einem Unternehmen.

Erfolgsbilanz

Den Ruf einer Sportnation hat Russland auch in Turin bestätigt. Mit jeweils acht Gold- und Bronze- sowie sechs Silbermedaillen reichte es in der Nationenwertung zwar nur zu Platz vier, aber das Ergebnis ist zweifellos ein Erfolg. Denn erstens legte man im Vergleich zu Salt Lake City (15 Medaillen, davon fünf in Gold) zu, und zweitens wurde etwa mit Skiakrobatik (Freestyle) in Sportarten gepunktet, die in Russland überhaupt keine Tradition haben.

Dabei ist der Wintersport nicht einmal die größte Stärke Russlands. Bei den Olympischen Sommerspielen in Athen 2004 bilanzierte man mit 92 Medaillen, davon immerhin 27 goldenen.

Das Image einer Sportnation hat sich das Riesenreich schon zu Sowjetzeiten erworben. Während aber damals der ideologische Gesichtspunkt zählte, misst man heute nach anderen Kriterien. Zwar ergeht sich die jetzige russische Staatsführung gelegentlich in ideologischen Erinnerungsreflexen, aber sportliche Erfolge sind heute auch zum unbestreitbaren Beweis für die Wohlfahrt des Riesenreiches geworden. Vergleicht man die Top-Länder in der Nationenwertung mit den objektiven Daten des Pro-Kopf-Einkommens der Bevölkerung, so fällt Russland allerdings kaum unter die ersten 20. Aber hinsichtlich der Investitionsvorhaben ist das Land eine Supermacht, besonders wenn man den von Putin geförderten langfristigen Plan zur Sportfinanzierung (100 Milliarden Rubel = drei Milliarden Euro bis 2010) berücksichtigt.

Der Präsident selbst war Vorbild mit seinem schwarzen Gürtel im Judo. Im Land ohnehin hoch im Kurs, schien es, dass Budo (Sammelbegriff für Kampfsport) bald die Politkarriere förderte: Der Minister für Nationalressourcen ist Karateka, auch Tschetscheniens Präsident. Und der Chef der Russischen Atomenergieagentur (Rosatom) treibt Aikido. Russland investiert so viel wie nie, um im Sport und auch mittels Sport generell auf der Weltbühne wieder etwas darzustellen. Da wurde etwa die Föderale Agentur für Körperkultur und Sport, Rossport, eingerichtet, die sich unter dem Ex-Eishockeystar und jetzigen Sportminister Vjatscheslav Fetisov zu einer achtsamen Institution aufgeschwungen hat. Bis 2015 will er die sportliche Infrastruktur auf Vordermann bringen: Mehr als 2000 multifunktionale Einrichtungen und Hallen und ebenso viele Stadien sind geplant.

Auch die personenbezogene Förderung kann sich sehen lassen. Jeder russische Olympiasieger kassiert 50.000 Dollar von der Regierung und 50.000 vom Nationalen Olympischen Komitee. Für Silber gibt es insgesamt 50.000 Dollar, für Bronze 30.000 Dollar. Dazu kommen, dem Programm des Kremlchefs folgend, 500 Dollar monatlich auf Lebenszeit, Wertgegenstände und Wohnbeihilfen.

Erstaunt aber waren selbst die Olympioniken, als sie am vergangenen Montag bei Putins Empfang im Kreml erfuhren, dass jeder ein Auto von Toyota-Motor erhält: die Damen die Prestigemarke Lexus, die Männer den Geländewagen Land Cruiser. "Auf freiwilliger Basis" hätten Businessvertreter, sagt Putin, tief in die Tasche gegriffen. Das mag stimmen. Gut möglich aber auch, dass Staatsvertreter die Oligarchen etwas geschubst haben. Letztere verstehen ohnehin, dass man in Zeiten des sich ausweitenden Staatseinflusses in der Wirtschaft mit Spenden punktet.

Big Spender

Wer die mindestens 1,7 Millionen Euro für die Autos letztlich zahlt, wurde nicht klar. Verkündet wurde, dass das Geld vom 2005 gegründeten Fond zur Unterstützung von Russlands Olympioniken komme - seine Gründer führen die Forbes-Liste der reichsten Russen an und haben 30 Millionen Dollar in den Fond eingelegt.

Der Fond selbst wusste nur von zusätzlichen Preisgeldern, nämlich Goldmedaillenträgern ein Jahr lang monatlich 5000 Dollar, für Silber oder Bronze monatlich 4000 Dollar auszuzahlen. Von Autos war eher nichts bekannt. Ist auch nicht so wichtig: Wenn der Kremlchef will, wird gezahlt. Und Geld gibt es durch die Schwemme an Petrodollars im Überfluss. Für ein nationales Prestigeprojekt will Putin denn auch zehn Milliarden Euro an staatlichen Fördermitteln zuschießen: für die Bewerbung des südrussischen Kurortes Sotschi um die Olympischen Winterspiele 2014. (DER STANDARD Printausgabe 13.03.2006)

Eduard Steiner aus Moskau
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    Ausufernd feiern können die russischen Sportler. Im Erfolgsfall wartet nämlich der Geldregen.

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