Nachruf: Wie ein Fisch auf dem Trockenen

21. März 2006, 20:01

Eine Zukunft als Volksführer war dem serbischen Expräsidenten Milosevic nicht verheißen

Den Kopf vom hohen Blutdruck gerötet, das Kinn gereckt, ein trotziger, manchmal verächtlicher Blick - es war die Physiognomie des Eigensinns, die der Angeklagte dem Tribunal und der ganzen Welt zukehrte. Stur wiederholte Slobodan Milosevic vor Gericht in Den Haag die Parolen seiner Ära: dass die Serben vor allem Opfer waren, dass der Westen Jugoslawien zerschlagen hätte, dass die Amerikaner Europa spalten und beherrschen wollten. Was er zeigte, war die Karikatur, die seine Feinde von ihm gezeichnet hatten.

Während seiner glanzvollen Karriere, die Mitte der Achtzigerjahre begann und im Oktober 2000 mit seinem Sturz endete, hatte die Welt einen ganz anderen Milosevic kennen gelernt. Nie war er der sture Teppichbeißer, als der er sich jetzt darstellt. Diplomaten, selbst Oppositionelle, die ihn trafen, lobten seinen Charme und besonders seine Flexibilität; nicht wenige, die als Gegner kamen, gingen als Überzeugte.

Eine Zukunft als serbischer Volksführer war dem Sohn eines montenegrinischen Gymnasiallehrers bei seiner Geburt 1941 nicht verheißen. Die frühe Liebe zur Partisanentochter Mira Markovic brachte den Gymnasiasten in dem Donaustädtchen Pozarevac in Kontakt zur kommunistischen Partei-Elite. Als Kind galt er als still und einsam. Der Vater, von dem die Familie getrennt lebte, nahm sich das Leben, als der Sohn schon erwachsen war; später starb auch die Mutter von eigener Hand. Slobodan machte schon Karriere: Parteieintritt mit 18, Jurastudium, dann Manager erst bei Tehnogas, dem Gas-Monopolisten, später bei der Beogradska banka. Der junge "Technomanager" wuchs aus der Provinz hinaus, lernte gut Englisch. Als Banker war er mehr als 60-mal in New York.

Als Milosevic 1984 in die Politik ging, galt er bald als Reformer, ja als eine Art serbischer Gorbatschow. Dass er früh nationale Töne anschlug, stand dazu nicht im Widerspruch. Aber schon zwei Jahre später verbündete sich der junge Aufsteiger mit dem konservativen Parteiflügel und setzte ganz auf das nationale Thema. Jahrelang flogen ihm die Herzen der Serben zu, besonders als er ihnen 1986 im Kosovo zurief, "niemand" werde sie "mehr schlagen".

Je beliebter Milosevic bei den Serben wurde, desto größer wurde der Hass bei Slowenen, Kroaten und Albanern. 1989 begann der immer mächtigere serbische Parteichef, das Land umzuorganisieren. Auf Konsens mit den anderen Volksgruppen legte er keinen Wert. Der Zerfall begann, Milosevic ließ es geschehen. Keiner, der im serbischen Namen mordete oder Brände stiftete, wurde unter ihm je belangt.

Schon ein Jahr später begann der Stern des Volksführers auch in Serbien zu sinken. Aus dem nationalistischen Heißsporn der frühen Jahre wurde ein autoritärer Präsident, der sich seinem Volk immer weniger zeigte und seine Verbündeten und seine Überzeugungen beliebig wechselte, wenn es galt, an der Macht zu bleiben. 1995 begann eine "sozialistische" und "multikulturelle Phase", der die meisten Anhänger aus der Kriegszeit geopfert wurden. Die Opposition blieb zersplittert - bis Milosevic 1999 den Kosovo-Krieg verlor. Im Sommer 2000 gelang es dem später ermordeten Zoran Djindjic, die Opposition zu einen. Im Jahr darauf schickte Djindjic, damals serbischer Ministerpräsident, den gestürzten Präsidenten nach Den Haag.

Bewundert haben selbst seine Gegner an Milosevic stets das taktische Genie - wie keinem anderen gelang es ihm immer wieder, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Seine strategischen Ziele dagegen waren stets unklar, und wenn sie klar waren, verfehlte er sie: Jugoslawien zerfiel, Serbien wurde kleiner statt größer, sein Staatschef fiel weltweit in Ungnade, sein Land verarmte und fiel im Übergang zur Marktwirtschaft weit zurück. Vor Gericht, wo kein Raum für Taktik mehr blieb, agierte Milosevic wie ein Fisch auf dem Trockenen. Alles, was er noch demonstrieren konnte, war eine kleine Kollektion von schlichten und historisch lange überholten Grundüberzeugungen. Am vergangenen Samstagmorgen fand ihn ein Wärter tot in seiner Zelle im niederländischen Scheveningen.

von Norbert Mappes-Niediek
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