Die Unterleibsaufklärer

17. März 2006, 11:56
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Gerhart Hauptmanns selten gespieltes Sozialdrama "Rose Bernd" erfährt im Hamburger Thalia Theater eine zwiespältige Wiedererweckung

Regisseur Michael Thalheimer ersetzt die Gesellschaftskritik durch allerlei Gebrüll und Gymnastik.

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Vor genau einem Jahr löste das Martyrium eines siebenjährigen Hamburger Mädchens deutschlandweit Entsetzen aus. Die Eltern hatten ihr Kind in einer abgedunkelten Kammer ihrer Sozialwohnung verhungern lassen. Der Chor der Fassungslosen beklagte daraufhin die offenbar gewordenen Lücken des Fürsorgestaates, die Justiz ließ ihre Mühlen mahlen. Von dem, was die meisten an diesem Fall bewegen mochte, war kaum die Rede: vom Kindesmord.

Jetzt aber steht, sozusagen um der Tragödie im Nachhinein einen fassbaren Umriss zu verleihen, auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters: eine Kindesmörderin. Die junge Schauspielerin Katrin Wichmann verankert den glasigen Blick ihrer blauen Augen irgendwo im Nirgendwo, stemmt auf schiefer Holzbahn (Bühnenbild: Henrik Ahr) ihre weißen Gummistiefel gegen die Kräfte moralischer Gravitation und bittet um herzliche Teilnahme - die darin besteht, dass ihr gleich vier Männer und eine Frau eine sehr unterschiedlich motivierte Fürsorge angedeihen lassen. Das muss sie zugrunde richten.

In Gerhart Hauptmanns 1903 entstandenem schlesischen Sozialdrama Rose Bernd treiben vier Männer eine junge uneheliche Mutter - einer von ihnen hat sie geschwängert, aber keiner will wissen, wer - in den Kindesmord, weil die Verhältnisse so sind, wie sie sind: archaisch, patriarchalisch, bigott, ausweglos. Ein bisschen Blut und viel Boden. In der Hamburger Inszenierung von Michael Thalheimer rutscht eine ungewollt Schwangere in die Katastrophe, weil die Männer so sind, wie sie sind. Das, immerhin, hat sich geändert in hundert Jahren. Viel ist es nicht.

Und wie sind sie so, die Männer? Sie brüllen. Sie grölen. Sie setzen sich einen vor Überdruck fast berstenden Kopf auf, wenn sie Gefühle äußern wollen und ziehen sich im Hamburger Thalia Theater einen Papiersack als Maske drüber, wenn sie ein Gesicht zeigen müssten. Ihre Herzregion ist der Unterleib. Kein Wunder, dass sie Frauen nicht als beseelte Wesen wahrnehmen. Die Peitsche, mit der sie zum Weibe gehen, tragen sie im Hosenladen.

Dorfschulze Flamm (Peter Moltzen), der Vater ihres Kindes, fasst Rose Bernd ausgiebig an die Brüste und zwischen die Beine, um sie seine liebende Wärme spüren zu lassen. Der dreschflegelnde Weiberheld Streckmann (Felix Knopp) nähert sich ihr grundsätzlich rammelnd a tergo. Peter Kurth als Vater Bernd keucht und grunzt und schwitzt, als müsse er fortwährend an die Anstrengung ihrer Zeugung erinnern. Und Andreas Döhler als Bräutigam stemmt seine spastisch verkrampften Hände in die Hüfte, spreizt die Ellenbogen ab und hält sich so die Libido vom dürren Leib.

Thalheimers plakative Ursachenforschung menschlicher Gemeinheiten spekuliert ganz ungeniert auf große Zustimmungskoalitionen, ist ergo Theater auf der Höhe der Zeit. Angesichts männlicher Niedertracht sowie weiblicher Verlorenheit und Welteinsamkeit (das macht Frau Wichmann wirklich zu Herzen gehend) kann man und Mann gar nicht anders, als unentwegt mit dem Kopf zu nicken.

Hauptmann schildert eine Täterin, der er aus tiefstem Herzen verzeiht. Thalheimer präsentiert vier Knallchargen als Täter - und ein Hascherl, das für diese Welt zu blauäugig ist. Das aber sind Männerträume. Realitäten sehen anders aus. Heute wie gestern. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 3. 2006)

Von Oswald Demattia aus Hamburg
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