Die ewige Party namens Midlife-Crisis

12. März 2006, 19:05
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US-Starromancier Bret Easton Ellis im STANDARD-Interview über seinen Roman "Lunar Park" und die Techniken der literarischen Lebensbewältigung

STANDARD: Mr. Ellis, wenn Sie, wie in diesen Tagen, auf Lesetour sind - fühlen Sie sich dann wie ein Popstar?

Ellis: Wir sitzen hier in Berlin, ich war vor 36 Stunden noch in Los Angeles, vor 18 Stunden habe ich vor 1000 Menschen in Köln gelesen, aus dem Abendessen wurde ein Mitternachtsdinner, weil das Signieren so lange dauerte, und heute Morgen bin ich um sechs aufgestanden. Schriftsteller und Popstar - das widerspricht sich.

STANDARD: "Lunar Park" handelt von einem Autor, der wie ein Popstar lebt und versucht, sich in ein Familienleben in den Suburbs zu retten.

Ellis: In Lunar Park mache ich mir einen Spaß mit meinem Image. Vor allem zu Beginn ist Lunar Park eine Autorensatire. Aber in erster Linie ist das Buch dann ein übernatürlicher Thriller - meine Hommage an Stephen King. Monster und Dämonen suchen eine Familie in den Suburbs heim, der Vater ist ein Autor, der viele Parallelen zu meinem eigenen Leben aufweist und - voilá! - schließlich irgendwie mit mir identisch wurde.

Ein Teil ist Rückblick, ein Teil Wunschbild, ein Teil Erfindung. Diese Figur Bret Easton Ellis hat eine Menge Probleme, die ich tatsächlich kenne. Wenn er dann im zweiten Teil dazu übergeht, die metaphorischen Dämonen zu bekämpfen, dann könnte ich mich damit gut identifizieren. Eine Menge von meinem Vater steckt auch drin.

STANDARD: Der Schriftsteller in "Lunar Park" will mit seinen früheren Werken nichts mehr zu tun haben. Ihre Haltung?

Ellis: Ich bin älter heute. Ich würde gern manche Kleinigkeit ändern, aber insgesamt haben die Bücher gut bestanden. Ich hatte damals ja eher eine journalistische Absicht - ich wollte einen bestimmten Moment in der Zeit erfassen.

STANDARD: Das haben Sie geleistet, indem Sie Erzähler mit einer verzerrten und psychotischen Wahrnehmung erfunden haben. Viele haben daraufhin nach dem moralischen Subjekt gefragt, das hinter diesen Büchern steht.

Ellis: Es bleibt unklar. Das ist der Punkt. Meine satirischen Romane waren Konzeptliteratur. Figuren wie Patrick Bateman in American Psycho waren Summen von allem, was in diesen Welten falsch war. Lunar Park ist eine Gespenstergeschichte. Ich wollte mich aber sicher nicht über meine Gefühle für meinen Vater lustig machen. Ich fühle jetzt anders. Ich habe vier Bücher geschrieben, in denen ich den ganzen Horror unserer Gesellschaft niedergeschrieben habe. Das reicht. Ich bin erschöpft.

Die Idee zu Lunar Park reicht zurück bis 1989, zu schreiben begann ich 1999. Das Buch bekam einen Geist, als mein Vater starb. Die Veröffentlichung von American Psycho war ein weiterer Schritt, weil Patrick Bateman so eine ikonische Erscheinung wurde. An Halloween trifft man in den Straßen von New York eine Menge Patrick Batemans, die sich herrichten, wie Christian Bale in der Verfilmung ausgesehen hat.

STANDARD: Stimmt es, dass Sie in Hollywood auch einmal an einem "monster movie" gearbeitet haben?

Ellis: Dreamworks hatte eine Idee zu einer Geschichte, und ich sollte sie auf Vordermann bringen. Meine Agenten haben auch ein wenig Druck auf mich ausgeübt, kommerzieller zu schreiben - meine Drehbuchideen sind meistens zu "independent". Irgendwann habe ich nachgegeben. Ich liebe Monsterfilme und dachte mir etwas aus, wovon ich meinte, dass es alle glücklich machen würde. Und dann gingen wir damit durch das, was man Studiosystem nennt, und es war tatsächlich so schlimm, wie es immer geschildert wird. Ich wachte nachts auf und dachte, ich bekomme eine Herzattacke, weil ich alle töten wollte.

STANDARD: "Glamorama" hatte eine Ahnung davon, wie wichtig das Thema Terrorismus werden würde. Ist Nihilismus Ihr Schlüssel zum Phänomen?

Ellis: Mich interessiert Genre, Satire, Popkultur. Ich bin kein politischer Autor. Die Clinton-Jahre sind eigentlich die Zeit, in die American Psycho viel besser gepasst hätte. Die Dekadenz der Clinton-Jahre lässt die Dekadenz der Reagan-Jahre wie eine öde Party erscheinen. Ich bin freizügig, ich hasse die religiöse Rechte. Ich war aber auch für den Krieg, ich wollte nach 9-11 jemandem in den Arsch treten. Das hat sich inzwischen in Frustration verwandelt. Die ganze Sache war ein Weckruf für Amerika. Wir waren sehr sentimental und blasiert. Ich möchte nicht von der ganzen Welt gehasst werden. Aber ich glaube nicht, dass da etwas zu machen ist. Es ist hoffnungslos. Was für ein Bret-Easton-Ellis-Satz!

STANDARD: Tom Wolfe fordert von dem "großen US-Roman, er müsse realistisch sein. Würden Sie dagegen einwenden, dass Ihre Bücher realistisch gerade deswegen sind, weil sie Albträumen gleichen?

Ellis: Meine Lieblingsromane sind realistisch, von Tolstoi bis Fitzgerald. Ich selbst schreibe Konzeptromane.

STANDARD: "Lunar Park" erscheint aber doch wie ein Schritt in Richtung Mainstream. Möchten Sie vielleicht in Hinkunft eher an diesen Kollegen, an Jonathan Franzen, Jonathan Lethem oder Michael Chabon gemessen werden?

Ellis: So sehr ich diese Kollegen mag, ist es mir auch egal, ob ich mit ihnen assoziiert werde. Ich bin auf mich allein gestellt. Vielleicht mehr, als mir lieb ist.

STANDARD: Das klingt nach der Midlife-Krise, von der Sie gern sprechen.

Ellis: Das hätte ich besser niemals gesagt, aber ich bin ja wirklich drin. Ich kriege einfach kein Bein auf den Boden. Soll ich eine Frau heiraten, mit ihr Kinder bekommen, und zwischendurch weiter Sex mit Männern haben? Es gab eine Frau in Los Angeles, das ist noch gar nicht so lange her. Ich war zu dieser Zeit besonders verletzlich. Michael Kaplan, ein sehr enger Freund, war an einem Medikamenten-Cocktail gestorben. Es war für einen Moment sehr verführerisch, mich in eine Familie zu flüchten. Die Frau wollte eine Bindung, aber ich war dazu nicht in der Lage. Ich kann einfach nicht ausreichend Verantwortung übernehmen.

STANDARD: Passen Sie wenigstens auf sich selbst besser auf?

Ellis: Ich trinke zu viel. Aber das schnelle Leben endete im Prinzip, als Michael starb. Meine Schwester hatte ebenfalls ein schlimmes Drogenproblem. Manchmal habe ich sie nicht mehr wiedererkannt. Diese Erfahrungen wirkten wie in Uhrwerk Orange - sie wurden in meine Gehirnzellen eingebrannt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13. 3. 2006)

Das Interview führte Bert Rebhandl

Zur Person

Bret Easton Ellis (42) bannte vor allem in seinem blutigen Slasher-Roman "American Psycho" (1990) die Dämonen der Konsumgesellschaft und der Yuppie-Generation. Ellis, in der Nähe von Los Angeles geboren, verbindet auch in Büchern wie "Unter null" und "Glamorama" die Penibilität des Gesellschafts- chronisten mit einer beißenden, selbstironischen Lust auf Satire. In "Lunar Park" setzt Ellis seinen eigenen Namen als Spielmarke ein: Der Autor liest am Donnerstag (mit Heinz Weixelbraun) im Rabenhof aus seinem Roman, es moderiert Claus Philipp.

Nachlese

Stofftiere im Blutrausch
Rezension seines jüngsten Höllentrips "Lunar Park"
  • Bret Easton Ellis absolviert eine Lesereise durch Europa, die ihn am 16. März auch in das Wiener Rabenhof-Theater führen wird.
    foto: pressefoto rabenhof/ian gittler

    Bret Easton Ellis absolviert eine Lesereise durch Europa, die ihn am 16. März auch in das Wiener Rabenhof-Theater führen wird.

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