Ein Hauch von '68 in Paris

16. März 2006, 17:38
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Weiter Proteste gegen Arbeitsmarktreform, Traditionsuniversität Sorbonne gestürmt

Ein Hauch von Mai '68 wehte am Wochenende durch das Quartier Latin in Paris. Die altehrwürdige Sorbonne-Universität rückte unversehens in den Mittelpunkt der Kraftprobe um das neue französische Kündigungsrecht.

Studenten hielten mehrere Hörsäle besetzt und riegelten sie mit Barrikaden ab. Unter dem Vorwand, sie würden Material zerstören, rief der Universitätsrektor die Polizei. Zweifellos mit dem Segen der Regierung ging diese am Samstag zum Angriff über. Mit Schlagstöcken und Tränengas kämpfte sie sich ins Innere der Universität vor, brachte nach einer Viertelstunde die Situation unter Kontrolle und führte einzelne Rädelsführer ab.

"Anpassungen"

Die Besetzung der Universität richtete sich einzig gegen das neue, vom Parlament vergangene Woche verabschiedete Kündigungsrecht, das Firmen die Möglichkeit gibt, Berufseinsteiger bis zu 26 Jahren während der ersten zwei Dienstjahre ohne Angabe von Gründen zu feuern. Die Symbolwirkung der Sorbonne-Universität veranlasste die Regierung unter Premier Dominique de Villepin auf Nummer sicher zu gehen. Aus dem Regierungssitz im Hôtel Matignon hieß es, Villepin ziehe das Gesetz nicht zurück, sei aber gesprächsbereit und erwäge "Anpassungen" bei den Entschädigungszahlungen im Fall einer Kündigung.

Sollte es bei diesen Konzessionen bleiben, werden die Proteste in unverminderter Schärfe weitergehen. Studentenverbände haben für kommende Woche drei Aktionstage geplant. Und am Samstag wollen auch die Gewerkschaften wieder auf die Straße gehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2006)

Stefan Brändle aus Paris
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