Santiago Sierra setzt Kunstprojekt in Synagoge aus

21. März 2006, 12:11
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Künstler sucht Kontakt zu Kritikern - Aktion hat früheres Bethaus in "Gaskammer" ungewandelt und will "gegen Banali­sierung der Erinnerung an den Holo­caust" auftreten

Pulheim/ Köln - Nach massiver Kritik an der Kunstaktion des Spaniers Santiago Sierra, der am Sonntag Abgase in eine ehemalige Synagoge geleitet hatte, will die Stadt Pulheim das Projekt zunächst aussetzen. Die Stadt will in der kommenden Woche über die Zukunft des heftig kritisierten Kunstprojekts entscheiden, bei dem der spanische Künstler Santiago Sierra (39) tödliche Autoabgase in eine ehemalige Synagoge eingeleitet hatte. Zuvor wolle sich der international bekannte Aktionskünstler im Gespräch seinen Kritikern stellen, sagte am Dienstag ein Stadtsprecher.

Künstler will Kritiker sprechen

Das frühere jüdische Bethaus soll entgegen ursprünglicher Planung am nächsten Sonntag geschlossen bleiben, teilte ein Sprecher der Stadt am Montag mit. Der spanische Künstler werde anreisen, um mit den Kritikern unter anderem vom Zentralrat der Juden und der Synagogengemeinde Köln zu sprechen.

Die Stadt werde bei dem Treffen mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft nicht vertreten sein. "Nach diesem Gespräch werden wir entscheiden, wie es weitergehen soll", erklärte der Sprecher. Sierre gehe davon aus, dass er die Kritiker von der Ernsthaftigkeit seines Projekts überzeugen könne. "Nichts hat uns bei der Aktion ferner gelegen, als die Gefühle von NS-Opfern und ihrer Angehöriger zu verletzen", betonte der Stadtsprecher.

Hochgiftige Abgase

Der 39-jährige Spanier hatte die hochgiftigen Abgase von sechs Autos in das frühere jüdische Bethaus von Pulheim-Stommeln geleitet. Mit seiner Arbeit wolle er "gegen die Banalisierung der Erinnerung an den Holocaust" angehen, erklärte der 39-Jährige in einer schriftlichen Stellungnahme zu Beginn seines Projektes "245 Kubikmeter".

Besucher konnten mit einer Atemschutzmaske und in Begleitung eines Feuerwehrmannes einzeln und für wenige Minuten den Synagogenraum mit seiner lebensgefährlichen Konzentration an Kohlenmonoxid betreten. Die Aktion sollte jeden Sonntag bis Ende April wiederholt werden.

Nachdenken über "das chronische und instrumentalisierte Schuldgefühl"

Mit seinem Werk in der seit 80 Jahren nicht mehr als Bethaus genutzten Synagoge wolle er zum Nachdenken über "das chronische und instrumentalisierte Schuldgefühl" auffordern. Gleichzeitig solle es eine Arbeit sein "über den industrialisierten und institutionalisierten Tod, von dem die europäischen Völker auf der Welt lebten und immer noch leben", erklärt Sierra, der dem Beginn seiner Aktion fern geblieben war. (>>>Andere Aktionen Sierras) (red/APA/dpa)

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    Die Besucher können mit einer Atemschutzmaske und in Begleitung eines Feuerwehrmannes einzeln den Synagogenraum betreten.

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