Saddam-Prozess: Ex-Richter gesteht Todesurteile gegen Dorfbewohner

16. März 2006, 12:49
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Ex-Diktator und sieben Mitangeklagte sollen zu ihrer Rolle bei dem Massaker in der Kleinstadt Dujail im Jahr 1982 Stellung nehmen

Bagdad - Im Saddam-Prozess hat der früherer Präsident des irakischen Revolutionsgerichts als Mitangeklagter die Verantwortung für das Todesurteil gegen 148 Schiiten übernommen. Das Massaker an den Bewohnern des Dorfes Dujail steht im Zentrum des ersten Verfahrens gegen den ehemaligen irakischen Machthaber und sieben weitere Vertreter seiner Führung.

Saddam Hussein hatte jüngst überraschend eingeräumt, den Prozess gegen die Dorfbewohner befohlen zu haben. Der irakische Ex-Präsident wird möglicherweise noch am Montag, wahrscheinlich aber erst in den kommenden Tagen befragt. Mit der Aussage der Angeklagten war der Prozess vor dem irakischen Sondertribunal am Sonntag in eine neue Phase getreten.

Die 148 Männer aus dem Dorf Dujail bei Bagdad waren nach einem fehlgeschlagenen Attentat auf den irakischen Machthaber 1982 getötet worden. Das Todesurteil sei rechtens gewesen, verteidigte sich der frühere Chef des Revolutionsgerichts, Awad Hamed al-Bandar, vor dem Sondertribunal.

"Sie haben den Präsidenten der Republik angegriffen und sie haben gestanden." Demnach unternahmen die Dorfbewohner den Anschlag auf Betreiben der Dawa hin, einer Partei schiitischer Islamisten im Iran. "Das ist vom Iran provoziert worden. Sie waren Mitglieder der Dawa. Die Anführer von Dawa saßen im Iran", sagte der Ex-Richter weiter.

Die Anklage gegen Saddam und seine Mitangeklagten lautet auf Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Bei einer Verurteilung droht ihnen die Todesstrafe. Saddam nahm am Montag zunächst nicht an der Verhandlung teil.

Satellitenbilder und Tonbandaufnahme

Das Tribunal hatte den Fall Dujail für die erste Anklage gegen Saddam ausgewählt, weil es die Beweislage für einigermaßen klar hielt. Die Staatsanwaltschaft hatte in dem Prozess zahlreiche Dokumente vorgelegt, die eine direkte Verantwortung Saddams für die Verfolgung der Bewohner von Dujail belegen sollen. Darunter waren auch Satellitenbilder und Tonbandaufnahmen.

In dem Dorf nördlich von Bagdad war 1982 der Konvoi des Präsidenten beschossen worden. Aus Rache dafür wurden der Anklage zufolge 148 Schiiten hingerichtet; zahlreiche Familien wurden vertrieben oder deren wirtschaftliche Lebensgrundlage zerstört.

Al-Bandar war von 1983 bis 1990 Chef des Revolutionsgerichts. Er wurde im März 2003 festgenommen. Im Zusammenhang mit dem Krieg zwischen dem Irak und dem Iran sei es üblich gewesen, Todesurteile in großer Eile zu verhängen, sagte er. Von ihm sei erwartet worden, dass er die am Anschlag auf Saddam Hussein beteiligten Dorfbewohner "am selben Tag" zum Tode verurteile, er habe sein Urteil jedoch nach zwei Wochen gefällt. Alle Angeklagten seien "direkt" an dem Anschlag beteiligt gewesen, fügte Bandar hinzu.

Analphabet

Der damalige Verantwortliche der inzwischen verbotenen Baath-Partei in Dujail, Mohammed Asavi Ali, zog eine vor dem Untersuchungsrichter gemachte Aussage zurück, er habe den von Saddam Husseins Halbbruder Barzan el Tikriti geleiteten Militäreinsatz in dem Dorf beobachtet. Als ein Richter darauf hinwies, er habe das Untersuchungsprotokoll unterzeichnet, sagte der Angeklagte, er könne weder lesen noch schreiben. (APA/Reuters)

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    Ex-Diktator Saddam Hussein soll am Sonntag selbst über seine Beteiligung am Massaker in dem Dorf Dujail aussagen.

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