Del Ponte: Milosevics Tod "komplette Niederlage"

13. März 2006, 18:48

Möglicherweise "letzte Kampfansage" an das Tribunal - UNO-Chefanklägerin weist Kritik an Dauer des Prozesses zurück: Es ging auch um die Wahrheit

Den Haag/Rom - Nach dem plötzlichen Tod des ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic hat UNO-Chefanklägerin Carla del Ponte Kritik zurückgewiesen, das Verfahren habe zu lange gedauert. In dem Kriegsverbrecherprozess sei es nicht nur um Urteil und Strafmaß gegangen, sagte sie am Sonntag. "Es ist auch eine Frage von Tatsachen und Wahrheit."

Abruptes Endes des Prozesses

Der 64-jährige Milosevic war am Samstag tot in seiner Zelle aufgefunden worden. Der Prozess kommt damit nach mehr als vier Jahren Verhandlungsdauer zu einem abrupten Ende, ohne dass je ein Urteil gefällt wurde. Das brachte Del Ponte die Kritik ein, ihre Anklage sei ausgeufert und habe sich nicht auf einige zentrale Vorwürfe konzentriert.

Milosevic war vor dem Gericht der Vereinten Nationen in 66 Fällen wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in Bosnien, Kroatien und im Kosovo angeklagt, die sich über einen Zeitraum von zehn Jahren erstreckten. An 466 Verhandlungstagen wurden 295 Zeugen vernommen und rund 5.000 Beweisstücke präsentiert. Mit einem Urteil wurde noch in diesem Jahr gerechnet. Unter anderem wurde Milosevic eine Verantwortung für das Massaker in Srebrenica und die Belagerung Sarajevos zur Last gelegt.

Hunderttausende Opfer der Verbrechen

"Unter diesen Verbrechen hatten hunderttausende von Opfern im ganzen ehemaligen Jugoslawien zu leiden", sagte Del Ponte. Vor allem für sie sei es wichtig, genau zu wissen, was passiert sei. Bei dem Verfahren gegen Milosevic sei zudem eine Fülle von Beweisen auch für weitere Prozesse zusammengetragen worden.

Natürlich hätte man Milosevic auch nur wegen der schlimmsten Verbrechen anklagen und so schneller zu einem Urteil kommen können, sagte Del Ponte mit Blick auf das Verfahren gegen den früheren irakischen Machthaber Saddam Hussein. Aber es gehe eben nicht nur um ein Urteil, sondern auch um die Wahrheit.

Selbstmord für Del Ponte nicht ausgeschlossen

Del Ponte schließt nicht aus, dass sich der am Samstag in UNO-Haft gestorbene ehemalige jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic selbst umgebracht hat. Sein Freitod könne seine "letzte Kampfansage" an das UNO-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gewesen sein, sagte Del Ponte in einem Interview der italienischen Zeitung "La Repubblica" (Sonntagausgabe). Als mögliches Motiv vermutete sie, dass sich der Prozess gegen Milosevic seinem Ende näherte und er möglicherweise seinem Urteil entgehen wollte.

Laut Del Ponte ist es "natürlich möglich", dass der an Bluthochdruck und Herzproblemen leidende 64-Jährige eines natürlichen Todes starb. Doch sei es seltsam, dass "er einfach so starb, ohne dass seine Ärzte eine akute Verschlechterung seines Zustands bemerkten".

Über Milosevics Tod "verärgert"

Die Chefanklägerin sagte, sie sei über Milosevics Tod "sehr verärgert gewesen": "Es erschien mir einfach unmöglich, dass die jahrelange Arbeit, all die Energie, die Ermittlungen, das unablässige Anrennen gegen Hindernisse, umsonst gewesen sein sollen. In einem Moment war alles verloren. Es würde keinen Milosevic-Prozess mehr geben". Für sie als Vertreterin der Opfer, die Gerechtigkeit verlangten, sei dies "eine komplette Niederlage". (APA/Reuters)

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    Carla del Ponte

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