Milosevics Partei spricht von Mord

13. März 2006, 15:26

Generalsekretär droht Verantwortlichen für Milosevic-Auslieferung mit Prozess - "Verantwortung für Tod liebt beim Tribunal" - Auch in Moskau lebender Bruder beschuldigt Den Haag

Belgrad - Der Generalsekretär der Sozialistischen Partei Serbiens (SPS), Ivica Dacic, hat am Sonntag mit einem Gerichtsprozess gegen ehemalige Politiker gedroht, die den am Samstag verstorbenen jugoslawischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic im Juni 2001 "verfassungswidrig" an das UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen überstellt hätten. "Diejenigen, die Slobodan Milosevic und andere Serben verfassungswidrig dem Haager Tribunal ausgeliefert haben, werden früher oder später der Gerechtigkeit vorgeführt werden", sagte Dacic bei einer Kundgebung für den verstorbenen Parteichef Milosevic. Dieser war am 28. Juni 2001 von der Regierung unter Premier Zoran Djindjic an das UNO-Tribunal überstellt worden.

Aufruf zu würdevollem Abschied im Rahmen großer politischer Kundgebung

Der sozialistische Politiker forderte die Behörden gleichzeitig auf, Voraussetzungen für einen "würdevollen Abschied Serbiens von Slobodan Milosevic" zu schaffen, damit seine Beerdigung zur "großen politischen Kundgebung der Unterstützung für die Politik von Slobodan Milosevic" werden könnte. Die Familie von Milosevic hat sich Medienberichten zufolge noch nicht darüber geeinigt, wo der ehemalige Staatschef begraben werden soll.

"Verantwortung für Tod liebt beim Tribunal"

"Slobodan Milosevic ist heute im Gefängnis des UNO-Tribunals ermordet worden", erklärte Zoran Andjelkovic, Spitzenpolitiker der Sozialistischen Partei Serbiens (SPS) des früheren jugoslawischen Staatschefs, nachdem sein Tod am Samstag auch offiziell bestätigt wurde. Der Beschluss des UNO-Tribunals, ihn nicht zur ärztlichen Behandlung nach Moskau zu lassen, sei der Unterzeichnung des Todesurteils gleichgekommen, sagte Andjelkovic, einst sehr enger Mitarbeiter von Milosevic. "Die Verantwortung für den Tod von Milosevic liegt beim Tribunal", unterstrich der sozialistischer Spitzenfunktionär.

Ärztliche Behandlung in Moskau verweigert

Andjelkovic erklärte dem Sender B-92, dass das Tribunal zu erläutern habe, warum der Antrag Milosevic', ihn vorläufig freizulassen, um sich in Moskau ärztlich behandeln zu lassen, neulich zurückgewiesen worden sei. Milosevic hatte im Dezember den Antrag gestellt. Die russischen Behörden hatten daraufhin dem UNO-Tribunal auch Sicherheitsgarantien zugestellt, die für die vorläufige Freilassung des Angeklagten verlangt wurden. Das Tribunal lehnte den Antrag Milosevic' aber ab. Auch die Tribunalsanklage hatte sich zuvor negativ zum Antrag geäußert.

Milosevic litt jahrelang an Bluthochdruck. In den letzten Monaten hatte sich sein Gesundheitszustand sichtbar verschlechtert. In den letzten Wochen hatte er sich wiederholt auch im Gerichtssaal darüber beklagt.

Verantwortung für neuerliche Todesfälle

Der ultranationalistische Führer Tomislav Nikolic ist der Ansicht, dass die beiden neulichen Todesfälle im Tribunalsgefängnis "unter merkwürdigen Umständen" und ohne jegliche Verantwortung für diejenigen passiert seien, die den Tod verhindern konnten. Erst am Sonntagabend wurde der frühere Führer der kroatischen Serben, Milan Babic, der Selbstmord begangen hatte, in seiner Zelle tot aufgefunden.

Nikolic bekundete "Besorgnis", dass ein "ähnliches Schicksal auch andere Insassen des Tribunalsgefängnisses" ereilen könnte. "Ich bin sehr um ihr Schicksal besorgt", sagte der Vizechef der Serbischen Radikalen Partei (SRS) offenbar in Anspielung auf seinen Parteichef Vojislav Seselj, der sich seit drei Jahren im Tribunalsgefängnis befindet.

Bruder: Ganze Verantwortung liegt bei UNO-Tribunal

Der in Moskau lebende Bruder des früheren jugoslawischen Präsidenten, Borislav Milosevic, hat das UNO-Kriegsverbrechertribunal wegen des Todes beschuldigt. "Die ganze Verantwortung liegt beim Haager Tribunal", erklärte Borislav Milosevic gegenüber der serbisch-montenegrinischen Presseagentur Tanjug.

Der ehemalige jugoslawische Botschafter in Russland war bis zuletzt bemüht, seinen Bruder in Moskau ärztlich behandeln zu lassen. Milosevic litt jahrelang an Bluthochdruck und den damit verbundenen Gefäßveränderungen.

In letztem Telefonat "kämpferisch"

Milosevic habe sich nach Angaben seiner Sozialistischen Partei noch am Abend vor seinem Tod kämpferisch gezeigt. "Er hat zu mir gesagt: 'Macht euch keine Sorgen. Sie werden mich nicht zerstören oder brechen. Ich werde sie alle besiegen'", sagte der Sozialist Milorad Vucelic, der am Freitagabend mit Milosevic telefonierte. "Aber es war klar, dass er sehr krank war."

"Kein Zweifel, dass er liquidiert wurde"

Milosevic stand in täglichem Kontakt mit Vertretern der Sozialistischen Partei in Belgrad. Vucelic sagte, Milosevic sei am Freitag gut gelaunt gewesen, habe aber nicht über seine Erkrankung sprechen wollen. Es gebe keinen Zweifel, dass der Expräsident in Den Haag liquidiert worden sei. Man habe vereinbart, am Samstag erneut zu telefonieren, erklärte Vucelic weiter. "Als er nicht anrief, habe ich mir Sorgen gemacht. Dann habe ich erfahren, was passiert ist." Milosevic sei mit seiner Verteidigung vor dem Tribunal sehr zufrieden gewesen. Vucelic warf den Richtern des Tribunals war, mit der Verweigerung einer Behandlung in Moskau Milosevics Todesurteil unterzeichnet zu haben.

Flaggen auf Halbmast

Vor dem Sitz der Sozialisten in Belgrad wehten die Flaggen auf halbmast. Im Gebäude zeigte ein riesiges Foto den früheren Präsidenten, das Bild war mit einem Trauerflor verziert. Parteichef Ivica Dacic sprach von einem "gewaltigen Verlust für Serbien, für die gesamte serbische Nation und für die Sozialistische Partei". "Milosevic hat nicht nur sich selbst verteidigt, sondern auch die serbische Ehre", sagte Dacic. "Das ganze Land muss ihm dafür danken." Die Sozialisten forderten, dass Milosevic in Belgrad ein Staatsbegräbnis erhalten solle. Dacic sagte, man werde aber die Wünsche der Familie respektieren, sollte diese einen anderen Ort für die Bestattung auswählen. (APA)

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