Personal Tools: Kaffee nachfüllen - oder "Was es wirklich Neues gibt"

21. März 2006, 12:01
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Die in den letzten Jahren hervorgebrachte Technologie muss erst verdaut werden, um wirklich neuen Nutzen zu bringen

In einer Cafeteria auf der CeBIT steht ein Besucher vor einer jener wunderbaren neuen Kaffeemaschinen, die alles können außer Eier kochen. Das Display sagt "Kaffeebohnen links nachfüllen", also kommt Personal und füllt den linken Vorratsbehälter mit Kaffeebohnen auf, erneuter Knopfdruck und Hoffen auf den Cappuccino, aber das Display sagt stur "Kaffeebohnen links nachfüllen", obwohl da keine einzige weitere Bohne reingeht. Nach längerem Rätselraten und viel vergeblichem Knopfdrücken rührt schließlich jemand mit einem Messer in den Kaffeebohnen um: Die Maschine läuft wieder.

Neues in der Welt der Technik

Diese Szene fällt mir auf die Fragen nach jeder CeBIT ein, was es denn Neues in der wunderbaren Welt der Technik gäbe. Alles wird schneller, (je nachdem) kleiner oder größer, besser, intelligenter, aber wir sind quasi mit "Kaffeebohnen nachfüllen" beschäftigt: Die in den letzten Jahren hervorgebrachte Technologie muss erst verdaut werden, um wirklich neuen Nutzen zu bringen.

Sieben-Megapixel-Handy mit Wechselobjektiv

Beispiele gefällig? Zehn Megapixel Auflösung verspricht ein neues Samsung-Handy (das im Vorjahr gezeigte Sieben-Megapixel-Handy mit Wechselobjektiv gibt es noch immer nicht zu kaufen), und die daraus resultierenden fetten Bilddateien können mit dem Datenturbo "HSDPA" mühelos verschickt werden. Schlecht gelöst bleibt hingegen bei Fotohandys die anschließende Verwendung der Bilder - das ist weitgehend Bastelarbeit, und die meisten Bilder (und Erinnerungen) werden den Wechsel zum nächsten Handy nicht überleben. Und der Nutzen der mobilen Datentechnik UMTS und HSDPA ist weiterhin vor allem auf eins beschränkt: Mobiler Internetzugang für das Notebook.

"Digitales Wohnzimmer"

Oder das "digitale Wohnzimmer", seit einigen Jahren Lieblingsthema der PC- und Unterhaltungselektronik-Industrie: Die Fantasien von Bild & Ton an jedem Ort in jeder Lebenslage sind nett und technisch weitgehend realisierbar. Aber die Komplexität solcher Systeme (Einrichtung leistungsfähiger Netzwerke, Zusammenführen unterschiedlichster Arten von Geräte unterschiedlichster Hersteller) wird auf lange Zeit den Massenmarkt überfordern. Vieles wird zwar tatsächlich einfacher zu bedienen, aber irgendwann sagt das Display "Kaffeebohnen links nachfüllen", obwohl der Behälter voll ist; das ist die Stelle, an der die meisten Benutzer den Stecker ziehen und lieber eine DVD zum Abspielen einlegen.

Es braucht seine Zeit

Was technisch rasch voranschreitet, braucht zur sozialen (und kommerziellen) Aufarbeitung seine Zeit. Etwa wie Blogs langsam in Bereichen wie Schulen, dem Freundeskreis oder Unternehmen aufgegriffen werden, weil wir entdecken, dass Internet nicht nur eine Einbahnstraße ist und es einfach zu benutzende Vehikel wie Weblogs gibt. Oder was wir mit den Megapixel-Bildern unserer Digicams und Fotohandys noch alles tun können, nachdem wir den Auslöser gedrückt haben (und was wir alles tun müssen, damit wir sie in zehn Jahren auch noch ansehen können).

Viel neues also auch heuer von der CeBIT: Aber die digitale Kaffeebohnennachfüllung lässt noch immer zu wünschen.(Helmut Spudich, DER STANDARD, Printausgabe vom 11.3.2006)

  • Artikelbild
    foto: standard/corn heribert
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