Autopsiebericht: Tod durch Herzinfarkt

13. März 2006, 18:48

Untersuchung zu Vergiftung steht noch aus - Vor Milosevics Tod Antibiotikum Rifampicin im Blut gefunden - Ex-Präsident bat Russland in Brief um Hilfe

Den Haag/Belgrad - Der frühere jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic ist an Herzversagen gestorben. Das gab das UN-Tribunal in Den Haag am Sonntagabend bekannt. Die vom Tribunal eingeleitete Obduktion der Leiche war am Abend abgeschlossen worden. Der wegen Kriegsverbrechen angeklagte Milosevic war am Samstagmorgen tot in seiner Zelle im Gefängnistrakt des Haager Gerichts aufgefunden worden.

Ergebnisse zu Giftstoffen noch ausständig

Der gerichtsmedizinische Bericht zum Tod des jugoslawischen Ex-Präsidenten Slobodan Milosevic sei noch vorläufig. Das Ergebnis einer Laboruntersuchung auf mögliche Giftstoffe im Körper Milosevics steht noch aus, teilte das UNO-Tribunal in Den Haag am Sonntagabend mit. Milosevic sei einem Herzinfarkt erlegen. Zwei verschiedene Herzleiden hätten zu dem Versagen des Organs geführt.

"Autopsie professionell"

Die serbischen Regierungsvertreter, die über die Autopsie des Ex-Präsidenten wachten, haben sich zufrieden gezeigt. Die Prozedur sei "sehr professionell" vorgenommen worden, hieß es in einer am späten Sonntagabend veröffentlichten Erklärung der Delegation. Alle benötigten Proben seien entnommen worden und würden noch einer zusätzlichen Analyse unterzogen, wie dies in solchen Fällen üblich sei, hieß es weiter. Die Autopsie sei gefilmt worden.

Medikamente gegen Lepra

Vor dem Tod Slobodan Milosevics sind einem Fernsehbericht zufolge in seinem Blut Spuren von Medikamenten gefunden worden, die dort nicht erwartet worden waren. Die Präparate würden häufig von Patienten genommen, die gegen Tuberkulose und Lepra behandelt würden, berichtete der niederländische Fernsehsender NOS am Sonntag unter Berufung auf namentlich nicht genannte Informanten.

Die Substanzen hätten die Wirkung von Mitteln gegen Bluthochdruck und Herzprobleme neutralisiert, mit denen der Ex-Präsident behandelt wurde. Die Blutprobe sei Ende vergangenen Jahres abgenommen worden, meldete die niederländische Nachrichtenagentur ANP am Montag.

Das UNO-Kriegsverbrechertribunal (ICTY), vor dem Milosevic wegen Verbrechen während der Balkan-Kriege in den 90er Jahren angeklagt war, hatte damals demnach einen Toxikologen der Universität Groningen eingeschaltet, um herauszufinden, warum Milosevics Blutdruck trotz seiner Medikamente hoch blieb.

Brief an Russland

Milosevic hatte seinem Anwalt zufolge einen Tag vor seinem Tod den Vorwurf erhoben, mit falschen Medikamenten behandelt worden zu sein. Der 64-Jährige habe den Verdacht am Freitag in einem Schreiben an die russische Regierung geäußert und um Hilfe gebeten, sagte Milosevics Anwalt Zdenko Tomanovic am Sonntag in Den Haag. Er hatte eine Kopie des handschriftlich verfassten Briefes des Verstorbenen dabei. "Ich bin der Ansicht, dass die hartnäckigen Bemühungen, mir die ärztliche Behandlung in Russland zu verweigern, eine Folge der Angst sind, dass eine genaue fachliche Analyse die aktiven Versuche, meine Gesundheit zu zerstören, an den Tag bringen würden, die vor russischen Experten nicht zu verbergen wären", heißt es demnach in dem Schreiben von Milosevic, das Tomanovic am Freitag der russischen Botschaft in Den Haag übermittelte.

Nach Ansicht eines russischen Arztes könnte Milosevic seine Tabletten gegen Bluthochdruck heimlich ausgespuckt haben. Milosevics Ärzte in Den Haag hätten diesen Verdacht gehegt, sagte der Chef der Moskauer Herz-Kreislauf-Klinik Bakulew, Leo Bokeria, dem russischen Fernsehsender NTW. "Mit Tests wollten sie die Medikamente in seinem Blut nachweisen, weil sie glaubten, er verstecke sie in seinen Backentaschen."

Prozess seit 2002

Milosevic wurde seit 2002 der Prozess vor dem Tribunal der Vereinten Nationen gemacht. Mit einem Urteil war noch in diesem Jahr gerechnet worden. Milosevic musste sich in 66 Anklagepunkten wegen Völkermords, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen in Bosnien, Kroatien und im Kosovo während der 90er Jahre verantworten. So wurde ihm etwa eine Verwicklung in die Belagerung von Sarajevo während des Bosnien-Kriegs von 1992 bis 1995 sowie in das Massaker von Srebrenica zur Last gelegt.

Die Chefanklägerin des Tribunals, Carla del Ponte, sagte, durch seinen Tod sei Milosevic zwar seiner gerechten Strafe entgangen. Zugleich forderte sie, dass noch flüchtige Angeklagte dem Gericht überstellt werden müssten. Sie nannte dabei insbesondere den als Kriegsverbrecher gesuchten früheren Chef der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, und seinen damaligen Militärkomandeur Ratko Mladic.

Der ausgebildete Anwalt Milosevic bestand darauf, seine Verteidigung selbst in die Hand zu nehmen und warf dem Gericht, das er nicht anerkannte, Siegerjustiz vor. Milosevic hatte bis zu seinem Sturz im Oktober 2000 Jugoslawien mit harter Hand regiert. Er erwarb sich dabei den Ruf eines gewissenlosen Staatschefs, der stets die Mittel des Krieges und des Nationalismus für seinen Machterhalt einzusetzen wusste. Im Juni 2001 wurde er nach Den Haag überstellt.

Verfahren mehrmals unterbrochen

Wegen gesundheitlicher Probleme Milosevics musste das Verfahren mehrmals unterbrochen werden. Zuletzt hatte er darauf gedrungen, zur medizinischen Behandlung nach Moskau ausreisen zu dürfen, weil sich sein Gesundheitszustand drastisch verschlechtert habe. Das UN-Tribunal lehnte dies im vergangenen Monat jedoch ab. Ebenso wurde nach seine Tod nun der Antrag seines Verteidigers abgewiesen, seine Leiche in Moskau obduzieren zu lassen.

In Russland lebt Milosevics Bruder Bronislav, auch seine Frau und sein Sohn werden dort vermutet. Borislav Milosevic machte laut der Nachrichtenagentur Interfax das UN-Tribunal für den Tod des Angeklagten verantwortlich. Auch Milosevics Witwe Mira Markovic erklärte gegenüber CNN: "Das Tribunal hat meinen Mann getötet."

Serbien fordert ausführlichen Bericht

Der serbische Ministerpräsident Vojislav Kostunica sagte der Nachrichtenagentur Beta, seine Regierung werde beim UN-Kriegsverbrechertribunal einen "ausführlichen Bericht über das tragische Ereignis" anfordern. (red/APA/Reuters/dpa)

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    Slobodan Milosevic 1941 - 2006

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    Der Anwalt Zdenko Tomanovic hält am Sonntag den Brief Milosevic' vom 10. März, dem Tag vor seinem Tod, in die Kameras.

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