In der Semper et ubique

17. März 2006, 15:02
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Dresden macht heuer große Opern: Die alte Dame wird 800 Jahre alt. Aber selbst im fernen Sachsen will man auf Mozarts Geburtstag nicht vergessen

Dresden macht heuer große Opern: Die alte Dame wird 800 Jahre alt. Aber selbst im fernen Sachsen will man auf den Kindergeburtstag Mozarts nicht vergessen. Den Wunderbuben beschenkt die Stadt mit der Renovierung der Silbermannorgel, sich selbst und den Besucher mit der Wiedereröffnung des historischen Grünen Gewölbes.

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Immer dieselbe Leier, alles dreht sich um die Orgel. Dass die prachtvolle Silbermannorgel in der Dresdner Kathedrale - vormals Hofkirche - nun wieder gehäuft erwähnt wird, hat zweierlei Gründe. Erstens die Restaurierung des zwischenzeitlich arg ramponierten Stücks. Zweitens aber den Nachmittag des 15. April 1789, als der gute Wolferl das Ding bespielte - ein beinahe schon eingeschobener Termin im gedrängten Stile der modernen Ich-AG.

Der Wettstreit auf der Silbermannorgel verlief, na ja, eher schlimm für des Wolferls feines Gehör. Das musste er seiner Konstanze spät nächtens gleich mal schreiben: "Nach Tisch wurde ausgemacht, auf eine Orgel zu gehen. Nun musst Du wissen, dass hier ein gewisser Häßler (Organist von Erfurt) ist; er ist ein Schüler von Bach; die Force von diesem Häßler besteht auf der Orgel in Füßen, welches, weil hier die Pedale stufenweise gehen, aber keine so große Kunst ist; übrigens hat er nur Harmonie und Modulationen vom alten Sebastian Bach auswendig gelernt und ist nicht imstande, eine Fuge ordentlich auszuführen." Armer Amadé.

Orgeln in hohen Dosen

Fast klingt sein Dresden nach einem Flop. Gratis-Wettorgeln gegen Banausen. Auch die Gigs am Vormittag kaum besser. Gleich zweimal spielte er am Dresdner Hof im Schloss. Das war noch das Beste, erhielt er vom sächsischen Kurfürsten doch eine "recht schene Dose", wie Mozart seiner Konstanze berichtete. Zur Ehrenrettung des Dresdner Adels sollte man an dieser Stelle aber die Anmerkung der mit Mozarts Dresdner Briefen befassten Historiker einstreuen, die in diesem Punkt so misstrauisch wie gelernte Ehefrauen denken: Wahrscheinlich enthielt diese Dose auch ein üppiges Honorar, wie sie späteren Quellen entnehmen wollen. Nur: Über dieses zusätzliche Geld schwieg der Meister seiner gestrengen Gattin gegenüber.

Dresden im Jahre 1789 war für Mozart lediglich Durchreisestation auf dem Weg ins potentere Preußen, wo er am Hof Friedrichs Wilhelm II. seine disharmonisch klimpernden Geldbeutel aufzufüllen hoffte. Der Stopover in Dresden glich da einem Gastspiel in Amstetten vor Wien. Dass der in Dresden ansässige Sächsische Hof Musik liebte, und als "nördlichste Stadt des Südens" noch jetzt eine barocke Schmuckschatulle der Sonderklasse ist, war eine Sache. Dass der Siebenjährige Krieg anno 1789 zerrüttete Kassen hinterlassen hatte, eine andere. Ein Schnäppchen war die Mozart-Visite hingegen für Dresden, und das gilt im Prinzip bis heute.

Im Hotel de Pologne, das im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, streute der Musicus im Rahmen einer Aufführung eigener Kammerwerke immerhin die Erstaufführung des Trios E-Dur KV 542 unters Volk. Heute lädt an dieser Stelle das "Bistro am Schloss" zum Verweilen ein. Ehrfurchtsvoller gedenkt man rund um die Silbermannorgel des Maestros. Die von August dem Starken gegründeten Kapellknaben und der Kathedralchor pflegen dort nicht nur im Mozart-Jahr die Kirchenmusik des Salzburgers und den Blick zurück.

Im Kern gesund

Blickt man heute von der berühmten Canaletto-Perspektive - also von den Biergärtchen des Neustädter Ufers - über die Elbe, sieht die auf Vedutenbildern verewigte Stadt wie eine Ansichtskarte aus. Was durchaus wörtlich zu nehmen ist. Denn abrupt wie die Ränder einer Karte fällt das moderne Dresden neben dem engen historischen Kern ab. Doch dieser Kern hat es in sich: Die vierzig Jahre nach der Zerstörung Dresdens wiedereröffnete, im italienischen Renaissancestil errichtete Semperoper, König Augusts Zwinger, jene filigrane Krone des Sächsischen Barocks und einst heißeste Partybühne des Adels; die erst im letzten Jahr eingeweihte bürgerliche Frauenkirche, oder der aus 24.000 Porzellanfliesen komponierte Fries an der Stallhof-Fassade - keine andere deutsche Stadt versammelt auf so engem Raum ähnlich viele bauliche Schätze wie das aus Ruinen auferstandene Dresden.

Dass auch die Gegenwart zum Zug kommt, beweist die Gläserne Manufaktur. Just im Großen Garten, dem verschwenderischen Naturtheater von August dem Starken, setzt eine als Touristenattraktion gestaltete VW-Autofabrik auch architektonisch interessante Akzente. Von den 1000 Arbeitsplätzen gar nicht erst zu reden. Die Lektion ökonomischer Zwänge musste auch der barocke Kunst-Freak Friedrich August I. lernen, der Dresdens legendäre Kunstsammlungen und Gebäude praktisch im Alleingang zusammenkaufte - und Sachsen damit gewohnheitsmäßig an den Rand des Konkurses brachte.

Eine von Augusts Lösungsstrategien aus der finanziellen Dauerkrise: Massiver Druck auf einen Alchimisten, den er festhalten wollte, solange bis dieser das nötige Kleingold liefern würde. Alchimist Böttger versagte leider - aber nicht ganz. Immerhin erfand er das europäische Porzellan, ein lukrativer Trendartikel des Barock. Vergoldet wurde August erst hinterher. Jetzt glänzt er in der Sonne als Standbild "Goldener Reiter" mit bestem Canaletto-Blick auf die prächtige Stadt. (DER STANDARD, Printausgabe vom 11./12.3.2006)

Von
Robert Haidinger

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dresden.de
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Die Semperoper in Dresden in nächtlicher Beleuchtung

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