John Scofield: Groovige Aphorismen

17. März 2006, 14:02
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Der Meister des Saitenminimalismus gastierte mit seinem Ray-Charles-Programm im Wiener Konzerthaus - Der Jazzgitarrist im STANDARD-Gespräch

Andreas Felber sprach mit dem US-Musiker über Jazztrends und die Konkurrenz mit sich selbst.


Wien - Er redet nicht lange um den Brei herum. Seine Antworten fallen zumeist kurz und prägnant aus. Vielleicht, weil auf diese Weise die knapp bemessene Interviewzeit besser genützt werden kann. Vielleicht aber auch, weil John Scofield mitunter tatsächlich so denkt, wie er vor allem in den letzten Jahren Gitarre spielt.

Also fragt man, was man angesichts des 2005 veröffentlichten, mit gewichtiger Vokal-Prominenz zwischen Dr. John, Aaron Neville und Mavis Staples aufwartenden und Donnerstag live im Konzerthaus präsentierten Ray-Charles-Programms That's What I Say fragen muss: Ob Herr Scofield damit in Zeiten, in denen auf jedem zweiten Jazzalbum Pop oder Schlager oder HipHop gecovert wird, nicht Trend-Surfing betreibe?

"Ja, es ist ein Trend heute", gibt Scofield zurück. "Mehr und mehr Leute machen das - und sie müssen, denn wir brauchen neues Material. Vor allem für die jüngere Generation ist das ein Thema. Für sie ist in gewisser Weise alles klassische Musik, sowohl der Rock 'n' Roll aus meiner Zeit als auch der Jazz der 50er-Jahre, sie können sich beidem aus gleicher Distanz nähern. Was vielleicht gesünder ist", so Scofield.

Und fügt in eigener Sache hinzu: "Ich bin sicher, manche Leute betrachten das Ray-Charles-Projekt als kommerziell. Ich suche einfach nach etwas, das für mich aufregend ist. Und Ray Charles war seit meiner Kindheit immer eine konstante Größe für mich. An sich bin ich vorsichtig gegenüber Themenalben - sie wirken oft einfallslos. Nachdem ich aber 33 oder 34 Alben mit eigener Musik veröffentlicht habe, dachte ich, dass ich über diesen Verdacht erhaben bin."

Dass der mittlerweile 54-Jährige, dessen Karrierekurve schon vor seiner Zeit bei Miles Davis steil nach oben wies, in den letzten Jahren gerade aufgrund seiner musikalischen Maulfaulheit in aller Munde war, das hat mit dem 1998er-Album A Go Go und seinen Folgen zu tun. War dieses Projekt doch jenes, mit dem Scofield über Einladung der damals wohl hippsten Jam-Band von überhaupt, des New Yorker Trios Medeski, Martin & Wood wieder auf den Groove gekommen ist.

Die Funkiness

Seither versenkte er auch auf Alben wie dem starken Überjam (2002) oder dem etwas schwächeren Up All Night (2003) in lustvoller Relaxt- heit sparsame Bluesakkorde punktgenau in die zwischen Laid-back-Funkiness und Breakbeats vermittelnde Rhythmusbasis. Was neben erfreulichen Verkaufszahlen, einem verjüngten Publikum und also einem veritablen Karrieredurchstart freilich auch so manchen Preis kostete.

"Wer in den letzten Jahren Scofield wollte, der dachte zumeist an den Groove-Scofield. Wodurch es meine anderen Projekte spürbar schwieriger hatten - das Trio mit Steve Swallow und Bill Stewart etwa, das ich vielleicht unter all meinen Projekten aussuchen würde, wenn ich nur noch eines betreiben könnte. Andererseits kommen nun auch Leute zu diesen Gigs, die nur meine Groove-Seite kennen - und sie bleiben."

Auch That's What I Say lebt in der gediegen verschlurften rhythmischen Basisarbeit vom Impuls, der von A Go Go ausging. Außer Scofield vergisst, dass seine Stärke auch und gerade in den Noten liegt, die er nicht spielt. Im Wiener Konzerthaus gab er sich egozentrisch, erging sich redselig in langen Solomonologen - während Vokalist Dean Bowman unter bedauernswerter Unterbeschäftigung litt und erst gegen Ende demonstrieren konnte, zu welchen erfrischenden Scat-Jodel-Improvisationen (Halleluja, I Love You So) er fähig und welch großartiger Balladeninterpret (Georgia On My Mind) er ist.

Dass der Funke an diesem von Routine geprägten Abend nicht übersprang, lag vielleicht auch am Ambiente des Großen Konzerthaussaals. Selbst wenn das Thema Ray Charles lautet, verlangt junge Grooviness nach einem anderen als einem hochkulturellen Resonanzraum. (DER STANDARD, Printausgabe, 11./12.03.2006)

  • Gitarrist John Scofield über sein neues Projekt, das sich einem Großen widmet: "Ray Charles war seit meiner Kindheit immer eine konstante Größe für mich."
    foto: standard/hendrich

    Gitarrist John Scofield über sein neues Projekt, das sich einem Großen widmet: "Ray Charles war seit meiner Kindheit immer eine konstante Größe für mich."

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