Gaza: Kein Sold, wenig Weizen, viel Zorn

17. März 2006, 11:23
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Wenn Israel die Grenze schließt, bricht die Versorgung zusammen

Dass Hussein Abu Abeid Hamas-Anhänger ist, erkennt man schon daran, dass in seinem Büro in Gaza ein großes Porträt des von Israel getöteten Hamas-Gründers Scheich Ahmed Yassin hängt. Der Mann mit dem Zwirbelschnurrbart beschäftigt in seiner Betonblockfabrik 40 Angestellte. Diese Woche standen seine Mitarbeiter nur gelangweilt herum, denn die Lagerhalle war völlig leer.

"Wenn sie voll ist, liegen hier 800 Tonnen Zement", sagt Abeid. "Im ganzen Gazastreifen kann jetzt nicht gebaut werden, niemand kann Zement liefern." Der Unternehmer macht nicht die Islamisten für das Schlamassel verantwortlich: "Die Israelis wollen, dass das palästinensische Volk die Hamas hasst, dass es ihm leidtut, die Hamas gewählt zu haben, aber das wird nicht funktionieren."

Der Grund für den Versorgungsengpass war die Sperre des Warenübergangs zu Israel bei Karni, über den die Palästinenser im Gazastreifen alle ihre Güter aus- und einführen. Erst nach zwei Wochen wurde der Übergang am Donnerstag teilweise wieder geöffnet. Die Israelis versichern, dass die Sperre keine Reaktion auf den Wahlsieg der Hamas war, sondern wegen konkreter Warnungen vor einem Anschlag nötig wurde.

Bitterer Vorgeschmack

Aber lebenswichtige Waren sind rasch knapp geworden im Gazastreifen. Und das ist vielleicht nur ein bitterer Vorgeschmack darauf, wie der Boykott und die international angedrohte Streichung der Wirtschaftshilfe wirken könnten, wenn die Hamas von ihren radikalen Positionen nicht abrückt. Auch Strom und Benzin kommen aus Israel, und in Mohammed Hassunas kleinem Supermarkt tragen die Windeln und die Butter hebräische Aufschriften.

Hassuna betreibt auch eine kleine Bäckerei, die ihm besondere Sorgen macht: "Das Mehl geht mir aus", sagt er und zeigt auf einen kleinen Stapel von Mehlsäcken. "Was Sie hier sehen, reicht noch für zwei Tage. Im Gazastreifen gibt es keinen Weizen, und wenn die Grenze nicht bald aufgeht, muss ich die Bäckerei zusperren." Die Notlage macht ihn kämpferisch: "Ich bin stolz darauf, die Hamas gewählt zu haben. Wenn das eine Kollektivstrafe ist, dann müssen wir das durchstehen."

Zu einer ausgewachsenen humanitären Krise werden es die Israelis, die USA und die EU vermutlich nicht kommen lassen. Und solange die Hamas-Regierung noch nicht angetreten ist, fließen zumindest aus Europa noch Hilfsgelder.

Aber schon im Jänner und Februar hat der Berufssoldat Salah Schahin seinen Sold verspätet bekommen. Auf das Geld, das ihm am 1. März überwiesen werden sollte und mit dem er seine Frau und die fünf Kinder erhalten muss, wartet er noch. "Wenn mein Gehalt nicht mehr kommt, dann weiß ich nicht, wie ich überleben soll", sagt Schahin, "dann werde ich andere Wege suchen müssen, um Geld zu finden. Dann könnte ich auch etwas Böses anstellen." (DER STANDARD, Printausgabe, 11.3.2006)

Ben Segenreich aus Gaza
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