Mit Druckerschwärze - eiskalt

10. März 2006, 20:41
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Die internationale Schlacht um die Vormacht beim Buch

Der eine Stunde totzuschlagen hat und neugierig auf Bücher ist, sollte eine mittelgroße Buchhandlung aufsuchen, nicht nur die Stapel an der Kassa und die Tische mit den Neuerscheinungen überfliegen, sondern, ähnlich einem Spaziergang durch einen unbekannten Wald, sich auch in die weniger beleuchteten Winkel vorwagen, die abgelegenen Regale aufmerksam studieren und nebenher an Umberto Ecos Bibliotheksthriller Der Name der Rose denken – denn Orte mit sehr vielen Büchern wirken stets ein wenig befremdlich.

An literarisch wie kommerziell aggressiveren Orten wie etwa in New York kann ein Buch über das Verkaufen von Büchern schon einmal daherkommen wie ein Krimi. In Cold Type – in Abwandlung der Thriller-Formel In Cold Blood (also "Kaltblütig!" war da vor einem Vierteljahrhundert ein einschlägiges Marketinghandbuch von Leonard Shatzkin überschrieben, in dem es bereits um Lösungen für die große "Buchkrise" ging. In Österreich hingegen gibt es nicht einmal eine ordentliche Geschichte des wichtigsten Verlags für zeitgenössische Literatur in der Zweiten Republik, des Residenz Verlags. Dabei hätte dieses an überraschenden Wendungen und auch Intrigen – und zuletzt an Eigentümerwechseln und Programmatiken – reiche Verlagsschicksal längst eine kundige Monografie verdient.

Doch wie die Bücher an die Leser kommen, wer sie macht, was die Büchermacher treibt oder bremst, ist nur höchst selten Gegenstand publizistischer Neugierde. Und wer, wie beim eingangs vorgeschlagenen Rundgang, in einer Buchhandlung spioniert, wird an der Oberfläche kaum fündig werden. Um es noch drastischer zu sagen: Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass irgendeine österreichische Buchhandlung einen Titel zur österreichischen oder gar internationalen Verlagsgeschichte lieferbar hält (Antiquariate sind dabei ausgeschlossen – für alle anderen aber biete ich eine gute Flasche Veltliner als Wetteinsatz an!).

Dabei ist das Thema heiß genug. Seit mehreren Jahren wird gewitzelt, dass auf internationalen Buchmessen oft schon weniger einzelne Bücher als ganze Verlage verkauft würden. Das erste große Fanal der immer noch anhaltenden weltweiten Konzentrationsbewegung auf dem Verlagsmarkt war 1998 die Übernahme des größten amerikanischen Verlagshauses, Random House – selbst schon berüchtigt wegen seiner Übernahmepolitik bezüglich klingender Verlagsnamen –, durch den deutschen Medienkonzern Bertelsmann, dem neben Bestsellerschmieden wie Blanvalet und Heyne auch Kösel (Karl Kraus), Luchterhand (Ernst Jandl) und DVA angehören (das zwischendurch Anteile am Innsbrucker Haymon Verlag hielt, dem Entdecker von Raoul Schrott oder Alfred Komarek).

Erst ein paar Wochen alt ist die Nachricht, dass ein weiteres Buch-Flaggschiff aus New York, Warner Books, in europäische Hände übergeht. Diesmal sitzt der Käufer, Hachette, in Paris. Einige der feinsten literarischen Adressen in New York – legendäre Häuser wie Farrar Strauss & Giroux, Henry Holt oder St. Martin's Press – schicken schon seit Jahren ihre Bilanzen an eine unscheinbare Adresse in den Hügeln um Stuttgart, die nur den wenigsten Lesern von Hugo von Hofmannsthal, Sigmund Freud, Christoph Ransmayr, Elfriede Jelinek oder Daniel Kehlmann vertraut ist. Und doch laufen deren Tantiemenabrechnungen letztens in der Buchhaltung des Holtzbrinck Konzerns zusammen, der ein Medienmanager aus Österreich vorsteht und dessen Zentrale eher einer schwäbischen Versicherungsfiliale gleicht als den Headquarters eines globalen Medienkonzerns.

Das Geschäft mit den Büchern hat viele seltsame Eigenheiten. Eine ist, dass der Verlagsname auf einem Buch häufig nicht verrät, wer dahinter steht – etwa bei literarischen Traditionsnamen wie S. Fischer, Rowohlt oder Kiepenheuer & Witsch seit vielen Jahren Holtzbrinck.

Ebenfalls in Stuttgart, wenn auch nicht in den noblen Hügeln, sondern an der Straßenbahn in der Ebene, residiert Klett, einer der größten Schulbuchkonzerne, zu dem neuerdings auch der Österreichische Bundesverlag gehört – wie auch vorübergehend Residenz, bis diesen literarischen Ballast vor gut einem Jahr das Niederösterreichische Pressehaus erwarb und nun zum regionalen Markenzeichen machen will.

So reiste die – ursprünglich – Salzburger Residenz via Wien und Stuttgart innerhalb weniger Jahre weiter nach St. Pölten. Doch auch Veritas in Linz, heimischen Lehrern gut vertraut, berichtet nach Deutschland, genauer Berlin, ganz so wie eine wachsende Zahl von Schulbuchverlagen aus Zentral- und Südosteuropa und womöglich bald auch aus China. Das Mutterhaus heißt Cornelsen. Besonders bei Schulbüchern brachte die Internationalisierung Qualitätsgewinne. Aufwändige Entwicklungsarbeit, Illustrationen, Karten, multimediale Materialien rechnen sich erst, wenn sie in Ausgaben für viele Länder Verwendung finden.

Das alles erzählt in wenigen Anekdoten nur von der einen Seite der Geschichte, von den Verflechtungen bei den Verlagen. Im Buchhandel sind die Konkurrenzen noch schärfer, und angesichts des Aufstiegs des amerikanischen Online-Buchhändlers Amazon zur Nummer eins im deutschsprachigen Buchhandel geht es auch hier um ein globales Match – von dem unser neugieriger Flaneur im Buchladen allerdings kaum etwas mitbekommt.

Die deutsche Fachzeitschrift Buchmarkt fand für das Geschehen längst Töne, für die In Cold Type eine durchaus angemessene Überschrift wäre: "Zustände wie im Wilden Westen. Beim Fight um Marktmacht und Marktanteile begegnen sich Großbuchhändler, Großverleger, Club- und Weltbild-Manager immer häufiger mit der Hand am Colt. Im Showdown der Giganten geraten Mittelständler zwischen die Fronten – nicht nur in Krefeld und Bielefeld."

Wer durch eine Buchhandlung schlendert und all die unschuldigen Buchrücken liest, darf sich wie jeder gute Detektiv fühlen: Es braucht eine Spürnase, Verständnis und Witz, um die Zeichen zu lesen! (DER STANDARD, Printausgabe, ALBUM, 11./12.3.2006)

Von Rüdiger Wischenbart

Der Autor lebt in Wien. Er arbeitet als Journalist und Berater über Bücher und Verlage. Von von 1998 bis 2001 war er Kommunikationschef der Frankfurter Buchmesse. Mehr unter: wischenbart.com
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