Die Publikumsmesse

10. März 2006, 20:40
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Die Geschäfte werden in Frankfurt gemacht. Was bleibt der Literaturstadt Leipzig?

Nun hat Reclam die Stadt also verlassen. Als der Verlag Ende vergangenen Jahres verkündete, sich fortan auf seine Stuttgarter Zentrale zu konzentrieren, gab es in Leipzig lange Gesichter. Nach Kiepenheuer ist Reclam das nächste Traditionsunternehmen, das an der Pleiße die Segel streicht. Pessimisten orakeln bereits, die alte Buchstadt sei dabei, zum Buchdorf zu mutieren. Nun einmal langsam.

Wer zur Buchmesse nach Leipzig fährt, erlebt eine Stadt im Ausnahmezustand. In Kneipen und Kinos, Fleischereien und Frisiersalons, sogar im Hauptbahnhof und im Zoologischen Garten wird gelesen. Ein Autor mag noch so unbekannt sein, sein Veranstaltungsort noch so abgelegen – in Leipzig wird er sein Publikum finden. Die Leipziger wissen, dass ihre Buchmesse ohne das assoziierte Lesefest "Leipzig liest" weniger wert wäre. Dass die ökonomisch potentere Schwester in Frankfurt am Main der wichtigere Handelsplatz ist, wissen sie auch.

Dennoch wird man zur Messeeröffnung wieder in Superlativen schwelgen. Alles soll noch größer, noch internationaler und vielfältiger werden. Im vergangenen Jahr kamen 108.000 Besucher, um die Novitäten der 2142 Aussteller aus 31 Ländern zu begutachten. Zum Vergleich die Frankfurter Gardemaße: 285.000– 7225–101. Die Gewichte sind klar verteilt, Leipzig ist die Nummer zwei. Immerhin hat man sich in den vergangenen Jahren konsolidiert. Das ist gut so, denn Leipzig ohne seine Buchmesse, das wäre wie Wien ohne Opernball. Neben Bachfest, Thomanerchor und Gewandhausorchester zählt die Buchmesse zu den kulturellen Institutionen der Stadt. Schließlich wurden hier der Börsenverein und die Deutsche Bücherei gegründet. Das ganze 19. Jahrhundert hindurch bis zum Zweiten Weltkrieg traf sich das Gros der Branche in Leipzig. Erst nach der deutschen Teilung zog Frankfurt vorbei. Leipzig blieb wenigstens der Titel "heimliche Hauptstadt der DDR".

Die ostdeutsche Hauptstadt der Bücher war man sowieso – auch dank der Buchmesse. Die steht seit ihrer Neuorientierung Anfang der 90er-Jahre im Ruf einer kuscheligen Publikumsmesse. Tatsächlich wird man sich bei den 1800 angekündigten Lesungen an 250 Orten in der Innenstadt auf die Füße treten – trotz der Konkurrenz des gleichzeitig stattfindenden Kölner Literaturfests lit.Cologne. Der eigentliche Messebetrieb, seit 1998 in futuristischen neuen Messehallen im Norden der Stadt angesiedelt, gibt weniger Anlass zur Euphorie. Mancher Lektor wusste in den vergangenen Jahren kaum, warum er seinen verwaist dahindümpelnden Stand bewachte. Die Lizenzabteilungen bleiben besser gleich zu Hause, denn internationale Handelspartner sind rar.

Dabei tut man in Leipzig einiges, um das Profil zu schärfen. Vor sieben Jahren, als das Hörbuch anderswo noch als Medium für Analphabeten und Faule galt, widmete man ihm erstmals einen Schwerpunkt. Der wurde mit Hörbuchnächten und dem Preis "Hörkules" ausgebaut. Profilierungssektoren sind außerdem der Comic mit einem großen Manga-Zeichenwettbewerb, Kinder- und Jugendbuch sowie eine angeschlossene Antiquariatsmesse. Vor allem aber soll Leipzig dem osteuropäischen Buchmarkt als "Tor zum Westen" dienen. Auch deswegen erhält der Ukrainer Juri Andruchowytsch in diesem Jahr den Buchpreis zur Europä^ischen Verständigung.

Die Chance, einen repräsentativen Literaturpreis mit nationaler Breitenwirkung zu installieren, hat man in Sachsen allerdings vertan. Der Deutsche Bücherpreis, der zwischen 2002 und 2004 vergeben wurde, bettelte mit einer lächerlichen Fernsehgala samt Showeinlagen und regionalem Fernsehballett geradezu um seine Abschaffung. Böse Zungen behaupten, die erste Preisträgerin, Christa Wolf, habe ihre Trophäe, einen von Günter Grass modellierten "Bücher-Butt", jahrelang im Kofferraum spazieren gefahren. Der Börsenverein, als Dachverband der Buchbranche, entzog Leipzig den Preis und schickte stattdessen den glamourös gestarteten Deutschen Buchpreis in Frankfurt ins Rennen. Dem setzt man seit vergangenem Jahr den auf Qualität bedachten Preis der Leipziger Buchmesse entgegen.

Gewiss, Leipzig wird es auch in Zukunft nicht leicht haben. Aber es gibt kompetente Verbündete – etwa das Literarische‑ Colloquium Berlin, das neben dem neuen Preis auch ein euro^päisches Debattenforum und den diesjährigen Schwerpunkt zur jungen Literatur unterstützt. Zudem kann Leipzig auf die eigene literarische Infrastruktur bauen. Die renommierteste deutschsprachige Dichterschmiede, das Deutsche Literaturinstitut, und die rührige Zeitschrift EDIT sind hier ansässig. Das große Geschäft mag am Main winken. Als Ort für Literatur und Leser aber ist Leipzig unerlässlich. (DER STANDARD, Printausgabe, ALBUM, 11./12.3.2006)

Von
Steffen Richter

Der Autor lebt in Berlin und arbeitet als Literaturkritiker u.a. für die Welt, die NZZ, die Frankfurter Rundschau und den Tagesspiegel.
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