Vermessung der Welt

17. März 2006, 12:15
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Eigenständige Verlage sind mittlerweile rar: Einer der letzten ist der Suhrkamp Verlag, der seit dem Tod von Siegfried Unseld ins Schlingern geraten ist

Eigenständige Verlage sind mittlerweile rar. Einer der letzten ist der Suhrkamp Verlag. Seit dem Tod der Verlegerpersönlichkeit Siegfried Unseld ist er ins Schlingern geraten. Ein Abgesang des Unseld-Biografen Peter Michalzik


Die jungen Autoren des Verlags, der Schriftsteller A (Jahrgang 1954), der Schriftsteller B (Jahrgang 1955) und der Schriftsteller C (Jahrgang 1967) gehen gemeinsam spazieren. Neben ihnen liegt das trübe Wasser des Mains, dahinter sieht man die Bankentürme der kleinen Großstadt Frankfurt, dahinter wiederum, in beruhigender Entfernung, wissen die drei ihren kleinen großen Verlag. Am Vortag war ein Gespräch der Deutschen Presseagentur mit den beiden Suhrkamp-Geschäftsführern Rainer Weiss und Philip Roeder erschienen.

A: Sie haben uns nicht erwähnt.
C: Sie haben uns tatsächlich nicht erwähnt.
A: Sie haben uns nicht einmal erwähnt.

Sie schweigen.

B: Sie haben uns vergessen.
A: Ein Jahr kein Buch, und sie wissen nicht mehr, wer du bist.
B: Sie sind gar keine richtigen Verleger.
C: Wann warst du das letzte Mal da? Wann hattest du das letzte Mal das Gefühl, dass da jemand für dich da war?

Sie schweigen.

C: Weißt du noch, wie er einem die Mütze aufgesetzt hat.
A: Weißt du noch, wie er einen am Arm genommen hat.
C: Die Mütze von Bertolt Brecht.
B: Weißt du noch, wie er einem in seinem Arbeitszimmer den Wein in diesen merkwürdigen Zinkbechern gereicht hat.
A: Weißt du noch, wie er uns in den Keller geführt hat und uns alle seine Bücher gezeigt hat.
B: Weißt du noch, wie wir gewusst haben, dass das alles ein schon viele Male aufgeführtes Theater ist, und wie wir trotzdem an ihn geglaubt haben. C: Weißt du noch, wie wir an ihn geglaubt haben.
A: Und sie, sie haben uns nicht einmal erwähnt.

Sie schweigen.

A: Wir müssen weg.
C: Aber wohin?
B: Es gibt keinen anderen Verlag.
A: Nein, es gibt keinen anderen Verlag.
C: Es gibt keinen anderen Verlag.

Sie schweigen wieder und gehen weiter am Main entlang. Sie wollen nicht in den Verlag, den sie lieben. Der Schriftsteller C redet jetzt von Bayern München, der Schriftsteller A redet über die Medien, und der Schriftsteller C spricht über den Papst. Die entsprechenden Bände sollen kommendes Jahr bei Suhrkamp‑ erscheinen. – Ende des fiktiven, aber deswegen natürlich nicht minder wahren Gesprächs.

Suhrkamp Verlag: Zentralorgan des deutschen Geistes

Jahrzehntelang ist der 1950 gegründete Suhrkamp Verlag für die deutsche (auch die österreichische) Literatur und Geisteswelt der einzig wahre Elitezirkel gewesen. Das Zentralorgan des deutschen Geistes. Seine Voraussetzungen hatte das in den Verbindungen, die Peter Suhrkamp über den Krieg und die Naziherrschaft gerettet hatte. In der glücklichen Verbindung von verlegerischem und kaufmännischem Genie in der Person von Siegfried Unseld, der den Verlag seit Suhrkamps Tod 1959 bis 2002 mit außerordentlichem Erfolg leitete. Geistiges und ökonomisches Blühen gingen hier, wie seitdem nirgendwo mehr, zusammen. Das aber lag daran, dass Eliten andere Eliten anziehen. So waren es die Autoren, deren Ausstrahlung sich selbst reproduzierte und den Verlag zur jahrzehntelangen Nummer eins nicht nur in Deutschland, sondern in Europa machte.

Junge, gegenwartsnahe Autoren zieht es anderswohin

Aber was ist Suhrkamp heute? Der Verlag ist ziemlich gealtert und zum Teil auch überaltert. Tatsächlich gelten die 1954 und 1955 geborenen Rainald Goetz und Thomas Meinecke in diesem Haus irgendwie doch noch als junge Autoren. Daniel Kehlmann, der einst Suhrkamp-Autor war, ist dem Verlag weggelaufen, bevor seine "Vermessung der Welt" zu dem deutschsprachigen Erfolgstitel der vergangenen Jahre wurde. Junge, gegenwartsnahe Autoren zieht es anderswohin.

Auf Frankfurter Kulturpartys redet man viel seltener über den Verlag, als der Verlag selbst wohl glaubt. Klar – so eine der hier zuweilen‑ vertretenen Lieblingsmeinungen – stecke Suhrkamp in den roten Zahlen, man habe eben keine oder zu wenige Bestseller, man sei eben kein‑ Bestsellerverlag, was sich immer schlimmer auswirken werde. Aber so ein Unternehmen‑ wie Suhrkamp werde natürlich noch Jahrzehnte weiterexistieren, sagt man dann noch weltmännisch.

Privates Unternehmen und subventioniertes Literaturinstitut

Suhrkamp ist, wenngleich ein privates Unternehmen, doch so etwas wie ein öffentlich subventioniertes Literaturinstitut geworden, wozu passt, dass die letzte deutsche Kulturstaatsministerin, Christina Weiss, jetzt in den erlauchten Kreis der "Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung" eingetreten ist und Leitungsaufgaben im Verlag übernehmen wird. Das wurde bei der Eröffnung der neuen offiziellen Hauptstadtvertretung des Verlags in der Wilmersdorfer Fasanenstraße bekannt gegeben. In dem bereits erwähnten dpa-Interview sagte Philipp Roeder auf die Frage, ob sich der Verlag der Weltreligionen, der bei Suhrkamp gegründet werden soll, selbst tragen werde, dass man sich auf Sponsorensuche begeben werde. Ist das die Gewinn bringende Zukunft des Verlegertums?

Suhrkamp ist heute das Unternehmen einer unsichtbaren Verlegerin. Siegfried Unselds Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz wird deshalb für Spekulationen sorgen, solange sie an der Spitze des Unternehmens steht, und das wird voraussichtlich noch lange sein. Sie ist eine quicklebendige und undurchschaubare Sphinx, die sich aber wegen angeblicher Anfeindungen mit öffentlichen Auftritten und Äußerungen über den Verlag zurückhält. An dem großen dpa- Interview Ende Februar zum Beispiel nahm sie nicht teil. Die Öffentlichkeit spürt, dass es eine inoffizielle Version ihrer Geschichte gibt, und das heizt die Fantasie an.

Warum, fragt man sich, sprechen Rainer Weiss und Philipp Roeder ausführlich über Ulla Unseld-Berkéwicz, wie wenn sie verlagsinterne Spannungen beruhigen müssten? Die Verteidigung der Fernsehwerbung für Isabelle Allendes Roman Zorro fällt so defensiv aus, dass man annehmen muss, dass sie auch verlagsintern und vor allem unter den anderen Autoren für viel Ärger gesorgt hat. Warum sagen die beiden nichts Konkretes über die finanzielle Situation des Hauses, von der man deswegen vermuten muss, dass sie kritischer ist, als man zugeben möchte? Und nichts von dem, was sie sagen, hat Neuigkeitswert. Von der "Bibliothek der Religionen", die sie ankündigen, wusste man bereits. Die "edition unseld", die zwischen Natur- und Geisteswissenschaften angesiedelt sein soll, und das Interesse des Verlags an osteuropäischen Autoren sind ebenso bekannt.

Suhrkamp ist alt geworden

Man ist also wieder einmal auf Interpretationen angewiesen, Suhrkamp gibt sich weiterhin so, als sei der Verlag ein Orakel. Dabei ist er mittlerweile ein ganz normales, mittelgroßes Buchunternehmen (der Umsatz liegt wohl bei knapp unter 50 Millionen Euro pro Jahr, das ist deutlich weniger, als das Haus einmal umgesetzt hat) mit einer großartigen Backlist – und dem enormen Problem, dass er in der deutschen Literatur, einst die Domäne des Hauses, keine jungen Autoren hat. So bleibt unter dem Strich vor allem eine Erkenntnis: Suhrkamp ist alt geworden.

Die Fantasie heizt auch der mittlerweile jahrzehntelange Streit mit Siegfried Unselds Sohn Joachim an, der eigentlich Verleger werden sollte und in Unfrieden aus dem Verlag schied, als sich Unseld von seiner ersten Frau, Joachims Mutter, scheiden ließ. Joachim betreibt seit Langem die Frankfurter Verlagsanstalt und wird voraussichtlich nie in den Suhrkamp Verlag zurückkehren. Trotzdem ist er als ehemaliger Kronprinz in der Stadt präsent. Es gibt also auch eine tragische, yellowpresstaugliche Seite der Suhrkamp-Story. Und was mit Joachims Weggang begann, wurde eine nicht endende Geschichte gescheiterter Kronprinzen, eine stattliche Reihe mittlerweile, die auch nach Sieg-‑ fried Unselds Tod verlängert wurde. Vom Marketing-Leiter Georg Rieppel, um dessen Wechsel vom Münchner C.H. Beck Verlag zu Suhrkamp viel Aufhebens gemacht wurde, trennte man sich nach nur eineinhalb Jahren im Unternehmen wieder. Warum, dazu hat der Verlag in alter Tradition bis heute nicht richtig Stellung bezogen.

Das Reden über Suhrkamp wird weitergehen

Aus all diesen Zutaten, aus strahlenden Büchern und Autoren, aus dunklen Flecken und wilden Spekulationen, setzt sich das ewige Reden über Suhrkamp zusammen, das die deutschsprachige Kulturszene wie unter Zwang nicht lassen kann. Reden über Suhrkamp, das war deswegen immer ein Raunen, das hatte immer etwas von einem Orakel, über Jahrzehnte war es eine der Lieblingssportarten des deutschen Feuilletons. Es war und ist eine Aura des Geheimnisses, nur weiß heute niemand mehr, worin die Aura ihren Grund hat.

Der Verlag selbst tut dabei so, als sei es schädlich, dass dauernd über ihn geredet wird. Dabei würden sie sich am Verlagssitz in der Lindenstraße umschauen, wenn nicht mehr über sie spekuliert würde. Dann würde sich das gähnende Gefühl der Bedeutungslosigkeit ganz schnell ausbreiten. Vorerst aber steht das, mangels anderer Institutionen, nicht zu befürchten.
Das Reden über Suhrkamp wird weitergehen.
Es gibt keinen anderen Verlag, sagt der Schriftsteller C. (DER STANDARD, Printausgabe, ALBUM, 11./12.3.2006)

Von Peter Michalzik

Der Autor ist Feuilletonredakteur der Frankfurter Rundschau. 2002 erschien im Karl Blessing Verlag "Unseld.", die einzige Biografie der letzten großen Verlegerpersönlichkeit Siegfried Unseld.
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