Reisen in Krisenzeiten

18. Juli 2006, 14:24
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Katastrophen halten nicht vom Urlaub ab - 2005 mehr als 800 Millionen Touristen weltweit

Dem Terrorschock vom 11. September 2001 folgten weitere Anschläge und Sars. Der Tsunami von 2004 haftet ebenso im Gedächtnis wie Hurrikan "Katrina". Aktuell verunsichern Vogelgrippe und Karikaturen-Streit. Und doch: Der Welttourismus boomt. Egal ob die Katastrophen natürlicher Ursache sind oder von Menschenhand gemacht - immer mehr Urlauber sind weltweit unterwegs. Das Feriengeschäft in Regionen, die von einer Krise heimgesucht wurden, erholt sich mittlerweile erstaunlich schnell.

So erleben zum Beispiel die Tsunami-Länder nach Einschätzung des Deutschen Reiseverbandes (DRV) "ein eindrucksvolles Comeback", die Buchungen für Südostasien schnellen 2006 nach oben. Thailand, die Malediven und Sri Lanka zählten wieder zu den populärsten Fernreisezielen der Deutschen, berichtete der Branchenverband auf der Internationalen Tourismusbörse Berlin (ITB). Thailand werde 2006 sogar mehr Gäste aus Deutschland empfangen als im Spitzenjahr 2004.

Gewöhnung an Krisen

Möglicherweise setzt also angesichts immer neuer Katastrophen eine Art Gewöhnung an Krisen ein. Die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (F.U.R.) kommt in ihrer auf der ITB vorgestellten "Reiseanalyse aktuell" zu dem Schluss, Urlauber hätten heutzutage verschiedene Optionen im Kopf und reagierten äußerst flexibel: Sie stellen sich auf neue Rahmenbedingungen "wie Naturkatastrophen oder andere Risiken in den Zielgebieten" ein. "Als 'professioneller' Urlauber reagiert er häufig wesentlich gelassener auf negative externe Einflüsse als Tourismusbranche oder Medien."

Auch die World Tourism Organization der Vereinten Nationen (UNWTO) berichtete am Donnerstag, trotz Terrorattacken und Naturkatastrophen seien die internationalen Verkehrsflüsse nicht nachhaltig beeinflusst worden. Vielmehr sei 2005 die Zahl der Touristenankünfte weltweit auf ein geschätztes Allzeithoch von 808 Millionen gestiegen - nach 766 Millionen 2004. Laut UNWTO-Generalsekretär Francesco Frangialli haben die Menschen früher in Krisenzeiten auf Reisen verzichtet. "Heute ist Reisen ein fundamentales Bedürfnis wie Wohnen, Essen und Kleidung."

Heftige Einbrüche

Die jeweiligen Krisenländer jedoch müssen zumindest kurzfristig mit heftigen Einbrüchen leben. Gleich doppelt trifft es aktuell die Türkei, die nach Angaben deutscher Veranstalter wegen Vogelgrippe und Karikaturen-Streit getroffen ist. Alltours-Chef Willi Verhuven sagte, europaweit sei die Türkei derzeit "35 Prozent rückläufig". Laut TUI-Chef Michael Frenzel zieht es die Urlauberströme vom östlichen ins westliche Mittelmeer.

Die Reisekonzerne haben sich mittlerweile auf die wechselnden Zielgebiete eingerichtet, wie das Tourismus-Fachmagazin "Fvw" berichtet. "Sie reagieren deutlich flexibler als noch vor wenigen Jahren und steuern ihre Flugkapazitäten in Windeseile um."

Anders sieht es hingegen in den jeweiligen Zielländern, wie eben jetzt der Türkei, aus. Als Reiseziel schob sich das Land an der Schwelle von Orient und Okzident laut F.U.R.-Reiseanalyse erstmals auf Platz 3 der beliebtesten Auslandsziele der Deutschen vor. Die Türkei selbst präsentierte sich auf der ITB zuversichtlich und peilt - rückläufigen Zahlen im Januar zum Trotz - einen Besucherrekord an. Das türkische Generalkonsulat teilte mit, man erwarte aus Deutschland in diesem Jahr 4,5 Millionen Gäste, ein Plus von 500.000. Aus aller Welt sollen dieser Prognose zufolge bis Ende 2006 rund 26 Millionen Urlauber kommen nach 21 Millionen im vergangenen Jahr.

Professionelles Krisenmanagement

Der Optimismus wird auch damit begründet, dass es seit der zweiten Januarhälfte in der Türkei keine weiteren bestätigten Vogelgrippe-Fälle mehr gegeben habe. Regionen, in denen das Virus aufgetreten sei, stünden unter strenger Aufsicht, alle Zufahrtsstraßen dorthin würden überwacht und alle Fahrzeuge desinfiziert.

Professionelles Krisenmanagement verspricht auch der Präsident des Deutschen Reiseverbandes, Klaus Laepple: "Wegen Vogelgrippe muss derzeit niemand auf seine Reise verzichten." Es handle sich um eine Tierseuche und bisher sei kein Fall bekannt, in dem sich ein Urlauber mit dem Virus infiziert hätte. Gleichwohl nehme die Reisebranche das Thema ernst: "Wenn durch die Vogelgrippe eine Gefährdung für Reisende entstehen sollte, würden die Krisenmanager der Reiseveranstalter sofort handeln."

Den von der Vogelgrippe betroffenen Regionen empfahl er entschlossenes und transparentes Vorgehen: "Das Wichtigste, was die betroffenen Regionen tun können, ist ein professionelles und gezieltes Krisenmanagement durchzuführen." (apa)

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