Minarett-Streit an der Südbahn

12. März 2006, 19:18
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Aufregung um geplantes islamisches Kulturzentrum in Natschbach-Loipersbach - Spatenstich für Gebetsturm in Telfs

Natschbach-Loipersbach/Telfs - Bürgermeister Leopold Schitkovits (VP) ist an einer Beruhigung der Gemüter gelegen. Ja, vor drei Wochen habe es die Anfrage eines Hauseigentümers gegeben, wie hoch ein Minarett neben einem "islamischen Kulturzentrum" sein dürfe - so er vorhabe, beides auf seinem Grundstück zu errichten, erläutert der Ortschef von Natschbach-Loipersbach.

Ja, der Gemeinderat habe daraufhin "hinter verschlossenen Türen" über die Sache debattiert und die Idee einstimmig abgelehnt. Auch habe man dem Hausbesitzer mittlerweile einen "Ersatzmieter" angeboten. Und hätte vergangenen Sonntag nicht die alljährliche Bürgerversammlung des niederösterreichischen 1700-Einwohner-Ortes stattgefunden, die Sache wäre "wahrscheinlich nie an die Öffentlichkeit geraten".

"Keine moslemische Ansammlung im Ort"

Genau das jedoch ist geschehen. Man wolle "keine moslemische Ansammlung im Ort", wird etwa in der Kronen Zeitung ein versammelter Bürger zitiert. In Natschbach-Loipersbach mit seinen höchstens zehn muslimischen Familien geht die Befürchtung um, dass der Minarettplan aus der unmittelbar benachbarten 11.500-Einwohner-Stadt Neunkirchen mit seinen rund 1000 muslimischen Bürgern stammen könnte.

Ob dem wirklich so ist, verrät selbst der Minarett-Errichter in spe nicht. Der Mann aus Zell am See, der sein niederösterreichisches Haus nur selten bewohnt, antwortet am Telefon auf keine Frage. Für den Fall, dass die Sache mit dem Ersatzmieter nicht klappt, sinnt daher etwa der Fraktionsobmann der SP, Othmar Braditsch, auf rechtliche Abhilfe.

"Passt nicht in dicht verbautes Siedlungsgebiet"

"Ein islamisches Kulturzentrum passt nicht in dicht verbautes Siedlungsgebiet. Ich schlage vor, eine diesbezügliche Verordnung zu erlassen", sagt Braditsch. "Es ist immer das Gleiche. Erst wirft man uns Muslimen vor, dass wir uns in Kellerlokalen verstecken. Und wenn wir dann sichtbar werden, stoßen wir auf Feindseligkeit", kommentiert dies Tarafa Baghajati von der "Initiative muslimischer Österreicher".

In Telfs in Tirol, wo es im November Aufregung um die Errichtung eines Gebetsturmes bei einer Moschee gegeben hatte, fand gestern, Mittwoch, der Spatenstich für das Minarett statt. Ohne Proteste, wird seitens der Gemeinde betont. Nachdem empörte Anrainer über 2000 Unterschriften gegen den Bau gesammelt hatten, hatten die Vertreter des türkisch-islamischen Vereins, der den Gebetsturm errichten lässt, die ursprüngliche Höhe des Turmes von 20 Metern auf 15 Meter reduziert. "Ein tragbarer Kompromiss", fanden die Nachbarn daraufhin und zogen sämtliche Einsprüche gegen den Gebetsturm zurück. (Irene Brickner/Bettina Fernsebner-Kokert, DER STANDARD - Printausgabe, 10. März 2006)

  • Muslime beim Beten: In Natschbach-Loipersbach sorgt der Plan, ihnen dafür einen Ort zu schaffen, für Proteste.
    foto: standard/heribert corn

    Muslime beim Beten: In Natschbach-Loipersbach sorgt der Plan, ihnen dafür einen Ort zu schaffen, für Proteste.

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