"Die Klapperschlange"

9. März 2006, 20:02
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John Carpenter hebt den moralischen Zeigefinger nicht, das sozialkritische Element schwimmt kollateral mit

Es ist ein harter Weg von "Call me Snake!" bis "The name is Plissken!", aber es lohnt sich, ihn mitzugehen.

Grandios fotografiert, mit erstaunlich bedächtiger Bildsprache, im Schnitt sparsamer als in der Erinnerung und kaum Heischen auf den Effekt. Das Casting rund um die einäugige Schlange ist famos (Lee Van Cleef, Harry Dean Stanton, Ernest Borgnine, Donald Pleasance und viele andere mehr ...), das Understatement wirkt dem heute zum Teil theatralisch wirkenden Set-up entgegen, es werden keine tiefen Menschheitsdramen zwischen den Protagonisten erzählt, doch jeder einzelne Blick macht Sinn, die reduzierten Beziehungen stimmen nonverbal und vor allem: Es gibt keine falschen Töne. Zumindest in der wie immer dringend zu empfehlenden Originalfassung.

Zwar hat sich einiges in 25 Jahren aufs Skurrilste ins Gegenteil verkehrt, so ist Manhattan inzwischen alles andere als ein Megaknast ohne Recht und Ordnung, cleaner als dort ist es heute vielleicht nur noch in Zürichs City.

Aber auch der eigentliche Plot, die Befreiung des US-Präsidenten, um den nuklearen Frieden konsolidieren zu können ... Na ja, würde man den jetzigen Präsidenten wirklich befreit sehen wollen in dieser Situation und wäre das Gelingen dieser Aktion denn ein Happyend? Der nukleare Frieden wird mittlerweile regelmäßig von Bedrohungen in den Schatten gestellt, die eher die Pharma- denn die Waffenindustrie verdienen lassen.

Die Erosion ist sichtbar, doch wirkt diese eher auf sentimentale Weise patiniert. Es wird anhand der "Klapperschlange" eine neue Filmzeitrechnung bewusst, zumindest Filme mit Set in New York betreffend. John Carpenters Film ist ein "Prä-9/11-Movie", gerade dadurch wird man der Verwundung der Stadt gewärtig und gleitet über diesen Umstand ins verunsicherte Heute. War da nicht auch Paris 2005? Die Gettosierung sozialer und ethischer Minderheiten, die Ausgrenzung, die scheinbar nur Konsequenz von Gewalt ist, wird auch wieder zu deren Ursache. Die Spirale der Gewalt entsteht, dreht sich immer schneller und plötzlich sind Kausalitäten verschwunden. In diesem Sinne ist der Film gegenwärtiger als damals, die Gewalt ist omnipräsent, ständiges Halbdunkel begleitet den Plot, die Gefahr, stets bereit hervorzubrechen, lauert in einer devastierten und im Stich gelassenen Stadt.

Die "Klapperschlange" hebt den moralischen Zeigefinger nicht, das sozialkritische Element schwimmt kollateral mit, die Assoziationen stellen sich ein zu den sich selbst überlassenen Vorstädten der Gegenwart, und schon allein deshalb macht ein Wiedersehen Sinn. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.3.2006)

Von Alfred Dorfer
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