Josef Haslinger: "Opernball"

9. März 2006, 19:58
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Ein großes Medienmassaker, ein Sittenbild einer morbiden Gesellschaft, ein Roman, der nicht lange fackelt

Dieser Roman fackelt nicht lange. Massenmord, Panik, Entsetzen: alles auf der ersten Seite schon da.

Ein Fernsehreporter sitzt in seinem Sendewagen und sieht auf zwanzig Bildschirmen gleichzeitig, wie die Besucher des Wiener Opernballs jämmerlich krepieren. Auch sein Sohn Fred ist darunter, er war als Kameramann im Einsatz.

Wie sich herausstellt, hat eine kleine Gruppe Rechtsradikaler, die sich "Die Entschlossenen" nennt, Blausäure in die Lüftungsschächte der Staatsoper eingeleitet. Tausende sterben. Die Katastrophe wird vom Privatsender ETV in ganz Europa live übertragen - ein Medienereignis sondergleichen. Hat der Sender von dem Anschlag gewusst?

Das Buch erregt diesen furchtbaren Verdacht, erhärtet ihn aber so wenig, wie man die Verwicklungen der Polizei in die Planung des Attentats erfährt.

Josef Haslingers Roman "Opernball", erschienen 1995 und damals sofort ein Bestseller, ist kein Krimi im klassischen Sinne, sondern ein medienkritischer Politthriller, erzählt anhand der Tonbandprotokolle des Fernsehjournalisten und Kriegsberichterstatters Kurt Fraser, der hier in Ichform auch seine eigene Lebens- und Familiengeschichte beschreibt.

Nach dem Giftgasanschlag, bei dem er seinen Sohn verliert, begibt sich Fraser auf eine Recherche des Falls, befragt zwei Opernballgäste, die dem Unglück zufällig entgingen, einen Polizisten, der am Katastrophenabend gegen die Krawall-Demonstranten vor der Oper im Einsatz war, und er stößt auch auf "den Ingenieur", der als letzter Überlebender und gläubiger Jünger der "Entschlossenen" einer der Drahtzieher des Attentats ist. Sie alle kommen in subjektiven Schilderungen zu Wort, sodass sich aus den geschickt montierten Lebensberichten und Aussagen nicht nur eine spannende Erzählkonstruktion, sondern auch ein plastisches, drastisches Gesellschaftspanorama ergibt.

Es ist das Sittenbild einer morbiden Gesellschaft, der mit ihren Werten auch die Orientierung abhanden gekommen ist und deren latenten Rechtsradikalismus Haslinger in eine nachgerade historische Dimension zu betten versteht: angefangen von den Aufnahmen der Leichenberge in Bergen-Belsen, die Kurt Frasers Vater, ein Wiener Jude, bei der Befreiung des KZs einst machte, über die nationalsozialistisch-spiritualistisch verbrämte Ideologie der "Entschlossenen", deren in Amerika geschulter Anführer sich "der Geringste" nennt, bis hin zum zugespitzten Bild von der Oper als Gaskammer, dem medial ausgeschlachteten "Harmagedon" der Rechtsterroristen.

Es ist die Verschränkung von Medienmacht und Gewalt, von Massenmord und Massengeschäft, die Haslingers Thriller bei allen pseudo-dokumentarischen Elementen zu einem veritablen, aus heutiger Perspektive geradezu hellsichtigen Medienroman macht. Spätestens seit den Ereignissen des 11. September 2001 hat die Realität die Anschlagskraft dieses Romans nicht nur bestätigt, sondern um Längen überboten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.3.2006)

Von
Christine Dössel
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    foto: sz
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