Pekings Bürger sollen Disziplin lernen

11. März 2006, 10:42
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In der Hoffnung auf Geschenke warten sie sogar auf Grün bei der Fußgängerampel

Die Kameraleute hatten sich selbstverständlich gut getarnt. Versteckt filmten sie Passanten, die eine stark belebte Pekinger Kreuzung in einem südlichen Außenbezirk der Hauptstadt überquerten. Die Ampel zeigt dort für die Fußgänger 30 Sekunden lang grünes und dann 70 Sekunden rotes Licht.

Kanal 5 von "Peking TV" hatte sich für seine wöchentlich ausgestrahlte Abendsendung "Jetzt geht's los" ein kleines Gewinnspiel ausgedacht. Passanten, die den Verkehrsvorschriften entsprechend bei Grün über die Straße gehen, sollten ihren notorisch undisziplinierten Landsleuten als Vorbilder vorgezeigt werden, wie man es richtig macht. Als Belohnung würden sie das neue Olympiamaskottchen erhalten.

Die TV-Sendung ist Teil einer Erziehungskampagne, um aus Pekinger Einzelkämpfern im Straßenverkehr bis zu den Sommerspielen 2008 möglichst rücksichtsvolle Bürger zu machen - keine einfache Aufgabe in der von 15 Millionen Menschen durchströmten Metropole, in der sich Fußgängerheere gegen fast 2,6 Millionen Pkws und mehr als sechs Millionen Fahrräder behaupten müssen.

Fünf Stunden lang harrten die Kameramänner geduldig aus. Sie filmten heimlich, wie manche Bürger bei Rot zumindest ein paar Sekunden anhielten. Sie bekamen aber keinen einzigen Passanten vor ihre Kamera, der sich verkehrskorrekt verhielt und auf Grün wartete.

Auch als sie sich an zwei weiteren Tagen auf die Lauer legten, wurde es nicht besser. Nach drei Drehtagen hatten sie mehr als 5000 Fußgänger gefilmt. Darunter war keiner, dem sie das Maskottchen hätten schenken können, berichtete die Pekinger Abendzeitung. "Die rote Ampel hielt weder kleine Kinder noch 70-bis 80-Jährige zurück. Sie störte auch keine Passanten, die schwer bepackt waren, Fahrräder schoben oder Hunde ausführten."

Bericht über Misserfolg

Die frustrierten Fernsehmacher berichteten in ihrer Sendung von ihrem Misserfolg. Sie verkündeten aber, sie wollten weiter nach dem idealen Verkehrsteilnehmer zu Fuß suchen und vorbildliche Grüngänger mit Mobiltelefonen und Farbfernsehern belohnen.

Als sie am Tag nach der Sendung wieder mit versteckter Kamera auf Pirsch gingen, wurden sie "überrascht", berichtete die Programmleiterin Cheng Jieni. So mancher Fußgänger wartete brav an der Kreuzung, bis die Ampel grün leuchtete.

Die TV-Leute wurden aber misstrauisch, als sie immer wieder dieselben Bürger die Straße an dieser Kreuzung überqueren sahen. Auch die Mutter mit Kind, die sie auswählten und dann befragten, entpuppte sich als schlechtes Vorbild. Ihr Kind plauderte es aus: "Mama hat die Sendung im Fernsehen gesehen."

Das etwas resigniert klingende Fazit der Verantwortlichen für das Programm: "Bis 2008 bleibt noch viel zu tun." (DER STANDARD - Printausgabe, 10. März 2006)

Johnny Erling aus Peking
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