Unendlich viele Schichten Gegenwart

9. März 2006, 18:54
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Ein Abend im math.space über Kurt Gödel, die Zeit und das Unendliche

Wien - Das Einstein-Jahr wirft noch lange Schatten hinterher. Auch die Veranstaltung des math.space über "Gödel und das Unendliche" am Mittwoch im Wiener Museumsquartier begann mit dem "Papst der Naturwissenschaften". Kurt Gödel und Albert Einstein, so eröffnete der Mathematiker Rudolf Taschner den Abend, hätten sich auf Princeton - "einer wirklichen Elite-Uni" - oft unterhalten. Worüber, sei leider nicht überliefert, aber sicher auch über Raum und Zeit.

Für Newton noch von Gott gegeben, lösten sich im letzten Jahrhundert die drei räumlichen und die zeitliche Dimension im Bezugsrahmen der Relativitätstheorie auf. Lediglich die Lichtgeschwindigkeit sei als Konstante geblieben - schließlich, sagte Taschner, habe Gott das Licht ja vor allem anderen geschaffen.

1949, zu Einsteins 70. Geburtstag, verfasste Gödel, der mit seinem Beweis des Unvollständigkeitssatzes bereits als 25-Jähriger großen Ruhm erlangt hatte, eine Arbeit, die sich mit der Frage der Zeit befasste. Er wies nach, dass es Lösungen für die Gleichungen der Relativitätstheorie gibt, in der die Zeit zu einer Schleife wird, "zu einer Art Zeitmaschine"; dass also der vorwärtsgewandte Kegel, der sich aus der zeitlichen und den räumlichen Achsen aufspannen lässt, unter bestimmten Bedingungen zu sich selbst zurückführt. Unbegreiflich? Wahrscheinlich, aber, wie Taschner den Kollegen Hermann Weyl zitierte, "jenseits alles Einzelwissens bleibt die Aufgabe zu begreifen".

Raum-Zeit-Trichter

Der zweite Vortragende des Abends, der Physiker Peter Christian Aichelburg, gestand zunächst ein, dass auch er nicht wisse, was Zeit eigentlich ist und ob es sie überhaupt gibt. "Gödel und die Existenz der Zeit", so benannte er die Veranstaltung um und begann mit den gegensätzlichen Anschauungen, dass Zeit entweder abstrakt, gleichförmig, "an sich" verfließt (Newton) oder aber am Subjekt hängt, welches sie "anschaut" (Kant).

Unter Anteilnahme des Publikums, welches das 230-Sitze-Auditorium des Mumok mühelos sprengte, leitete Aichelburg nun zu Gödel über. Wenn auch nicht direkt. Es bedurfte vieler Vergleiche - etwa Bilder von Uhren in Raketen, perspektivischer Baumalleen ("was Sie hinten sehen, hat länger gebraucht") und einer eher komplexen Darstellung eines Raum-Zeit-Trichters von Stephen Hawking ("leider nicht ganz richtig") -, um mathematisch weniger Begabte in eine abenteuerliche Gedankenwelt einzuführen.

"Die Realität", sagte Aichelburg, "stellt sich also dar als unendlich viele Schichten von Gegenwart. Und jeder Beobachter hat seine eigene Reihe von Schichten des jetzt Vorhandenen." Kaum aber war das verdaut, ging es um die Existenz einer Weltzeit in einem expandierenden Universum. Laut Gödel (dessen Geburtstag sich am 28. April übrigens zum 100. Mal jährt - zumindest über diese Zeit sind sich alle Beobachter einig) können die Lokalzeiten von Beobachtern nicht zu einer Weltzeit zusammengeschlossen werden.

In der Zukunft wird man mehr wissen. Sei es denkbar, fragte ein Zuhörer, dass Einstein, Gödel oder Aichelburg dann als bloß vorläufig erkannt werden würden? Darauf Aichelburg: "Wenn ich das wüsste ..." (Michael Freund, DER STANDARD, Print, 10.3.2006)

Am 5. April wird es im math.space um "Gödel und der Zahlenbegriff" gehen.
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