Putzfrauenschlafplatz

14. März 2006, 18:48
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Die Frau aus der Ex-UdSSR putzt ordentlich, billig und verlässlich – nur sie selbst stinkt manchmal fast unerträglich

Es war vor drei Wochen. Da hat G. dann etwas gesagt ­ und wünscht sich seither, schon früher den Mund aufgemacht zu haben. Weil er dann schon früher begonnen hätte, sich bei Bekannten im engeren und weiteren Umfeld wegen eines Zimmers umzuhören. Nicht für sich – für seine Putzfrau. Weil es der Gestank ihr ja genauso unangenehm war wie ihm.

Gs Perle kommt aus dem Osten. Nicht aus Polen oder einem anderen (bald) EU-Staaten, sondern von noch weiter östlich: Seine alte Putzfrau, erzählt G., sei zurück nach Polen gegangen, um ihr Studium zu beenden ­ und dann, mit einem fertigen Abschluss und nahezu perfekten, in jahrelanger Heimarbeit in Österreich erworbenen Deutschkenntnissen, ein echtes Leben zu beginnen.

Ersatzfrage

G. hat ihr alles Gute gewünscht, gratuliert und ist fest entschlossen, der guten Frau so gut er es eben kann als Kontaktmann in Österreich bei diesem Plan zu helfen. Das, meint G. sei schließlich das Mindeste. Nur ändere das nichts an dem Problem, vor dem er stand, als die polnische Zugehfrau nicht mehr hinter ihm her räumte: Seine Wohnung versank in Dreck und Chaos.

Zum Glück wusste sein Ex-Raumpflegerin Abhilfe. Ebenso systematisch, wie dereinst sie selbst auf dunklen Kanälen und gegen Schutzgebühren an polnische und österreichische „Helfer“ vermittelt worden sei, funktioniere nun die Versorgung mit Personal aus ehemals sowjetischen Teilrepubliken. Teils vor, teils hinter dem Ural. Und die Frauen, erklärte sie G., würden für noch weniger Geld putzen, als die polnischen Brigaden. Sie habe da einen Kontakt.

Ausbeutersdünkel

G. stimmte zu. Und hatte bald wieder eine gewissenhafte, unauffällige und ordentliche Reinigungskraft. Die Frau sprach kaum deutsch, war aber höflich – und wollte tatsächlich deutlich weniger Geld als ihre Vorgängerin. Darauf ließ sich G. dann aber doch nicht ein: Billig, meint er, sei zwar ok – aber irgendwo fange sogar er sich dann zu schämen an.

Allerdings roch sein Putzfrau. Um es höflich auszudrücken. Einmal, als ich G. besuchte, merkte ich es selbst: Die Frau stank. Und das stand in eklatantem Widerspruch zu ihren einfachen, aber doch nicht schmutzigen Kleidern, ihrer Art und ihrer Tätigkeit: Sie stank, als habe sie sich seit Wochen nicht ordentlich gewaschen.

Irgendwann wurde es G. dann zuviel. Zuerst, sagte er, habe er die Frau gebeten, vor dem Beginn ihrer Arbeit bei ihm zu duschen. Aber weil sie eben trotzdem immer stank, wenn sie ihren wöchentlichen Besuch bei G. antrat, fragte er irgendwann nach. Und erfuhr – Stück für Stück und mit Händen und Füßen übersetzt ­ Dinge, die er nicht wissen wollte. Weil er geglaubt hatte, dass derlei in Wien längst abgestellt sei.

Massenquartier

Die Frau wohnt nämlich mit acht Landsmänninnen im selben Zimmer. In einer kleinen Wohnung, in der insgesamt fast 30 Frauen untergebracht sein sollen. Die Wohnung habe eine alte Duschkabine, kaum Warmwasser und nur ein Klo. Dafür sei die Miete erschwinglich (G. griff sich bei dem Betrag trotzdem an den Kopf), sie könne ihren Pass behalten und der Vermieter achte darauf, dass sie unbehelligt blieben. Von den Behörden wie von fremden Männern. Derlei, erfuhr G., sei in anderen Unterkünften nämlich nicht immer gewährleistet.

Natürlich, habe die Frau erklärt, leide sie unter den hygienischen Umständen. Aber sie habe wenig Auswahl – weder rechtlich noch finanziell. Und ihre Familie sei auf ihre Geldsendungen angewiesen. G. sagt, er habe sich die Wohnung anschauen wollen – aber da habe seine Putzhilfe verweigert. Sie habe nicht einmal sagen wollen, in welcher Gegend des Gürtels das Haus stehe.

Zimmersuche

G. sagt, er habe sich zuerst geschämt. Weil er doch auch Nutznießer dieses Mechanismus ist. Aber dann habe er eingesehen, dass ein schlechtes Gewissen nicht hilft – und dass das wöchentliche Duschenlassen auch nur alleroberflächlichste Symptombehandlung ist. Drum sucht er ein Zimmer. Irgendwo. Klein. Billig. Eventuell im Austausch gegen Putzarbeit. Und wenn er das Zimmer gefunden haben wird, sagt G., wird er sich überlegen, wie er seiner Putzfrau die Übersiedlung schmackhaft machen kann. Weil die von seiner Idee überhaupt nicht begeistert gewesen sei: Dann, habe sie G. erklärt, wäre sie nämlich völlig alleine – und das wäre noch schlimmer, als sich vor dem eigenen Geruch zu ekeln.

  • Stadtgeschichten von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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