Methylamphetamin nach Cannabis die gebräuchlichste Droge

20. März 2006, 12:39
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US-Wissenschafter: Die "arme Leute-Droge" ist die weltweit am zweithäufigsten genommene Droge

Wien - Abgesehen von Cannabis ist Methylamphetamin (Methamphetamin) die weltweit am häufigsten genommene Droge. Das sagte der US-Forscher Richard A. Rawson von der David Geffen School of Medicine der Universität von Los Angeles (UCLA) bei einem Vortrag am Mittwoch in Wien. In den USA ist Methamphetamin, das unter Namen wie "Meth", "Ice" oder "Crystal" verkauft wird, in ländlichen Gebieten das Suchtmittel Nummer eins.

Rawson erklärte den Erfolg des Suchtmittels so: "Es kann aus Ephedrin sehr schnell hergestellt werden." Zudem sei es wesentlich günstiger als Crack und wirke viel länger. Der Internationale Suchtmittelkontrollrat der Vereinten Nationen (INCB) hatte erst in der Vorwoche die Dimension des Problems angesprochen: Neben der schnell steigenden Zahl von Labors in Nordamerika und Südostasien würden auch in anderen Regionen wie Afrika, Osteuropa und Ozeanien immer mehr Produktionsstätten errichtet - auch ein Hinweis auf die Nachfrage.

"Arme Leute-Droge"

Während Methamphetamine in den USA am Land als "arme Leute-Droge" reüssieren, ist der zweifelhafte Erfolgszug der Droge in den amerikanischen Großstädten bisher kaum spürbar. Auch in der afroamerikanischen Bevölkerungsgruppe sind "Meth" und "Crystal" bisher kaum ein Thema, die Substanzen werden - im Gegensatz zu Crack - vor allem von der weißen Bevölkerung konsumiert. Nur ein bis zwei Prozent der Afroamerikaner sind Konsumenten. Rawson zufolge kann die Droge auch kaum in Ballungsräumen produziert werden - der Gestank würde auffallen. Dennoch sei davon auszugehen, dass "Ice" auch in den US-Städten bald attraktiv werden könnte, wenn die das "Marketing" und die Vertriebswege stimmen.

Rawson zufolge wurde die Gefahr des Methamphetamin-Missbrauchs von vielen Süchtigen vor dem Erstkonsum oft krass unterschätzt: "Alle hatten gehört, dass Heroin und Kokain sehr gefährlich sind. Sie alle aber sagten: 'Ich hatte keine Ahnung, dass Ice oder Crystal so gefährlich sind'", erklärte der Forscher. "Wir haben einen schlechten Job gemacht bei der Prävention, einfach weil wir nicht genau informiert haben."

Abhängigkeit

Methamphetamin-Konsum führt sehr schnell zur Abhängigkeit: Der Hintergrund ist laut Rawson die exzessive Ausschüttung von Dopamin, dem chemischen Botenstoff im Gehirn, der immer dann freigesetzt wird, wenn es zu positiven Erlebnissen kommt. Dem US-Forscher werden beim Konsum von Nikotin oder Alkohol jeweils etwa 100 Einheiten Dopamin frei.

Wesentlich größer ist der Kick bei Kokain, bei dem etwa 300 Einheiten Dopamin ausgeschüttet werden. Doch nichts im Vergleich zu Methamphetaminen: Bei dieser Droge werden 1.200 Einheiten freigesetzt. Die Droge zerstört im Gehirn die Dopamin-Depots, die Rezeptoren sind daraufhin gleichsam einer Überschwemmung des Botenstoffs ausgesetzt, so Rawson.

Sucht und Entzug

Doch schon nach einem Monat Konsum der Droge zeigte sich, dass 40 Prozent des Dopamin-Systems verloren gingen. Der US-Forscher: "Das Einzige, was ein Methamphetamin-Abhängiger tun kann, ist mehr von der Droge zu nehmen." Dass der Süchtige dennoch immer mehr in Depressionen verfällt, Symptome von Paranoia aufweist und einen immer größeren Hang zur Gewalt zeigt, lässt sich durch eine Erhöhung der Dosis nicht verhindern - im Gegenteil. Die gute Nachricht: "Nach etwa sechs bis zwölf Monaten Abstinenz von der Droge kommt die Fähigkeit, Dopamin freizusetzen, zurück", sagte Rawson.

Auffallend ist die sehr hohe Frauenquote unter den Konsumenten: Sie erhoffen sich durch die Einnahme von Methamphetaminen oft eine Gewichtsreduktion. Auch wegen Depressionen oder den Nachwirkungen von sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt wird die Droge oft angewandt.

Mit dem ersten Methamphetamin-Kick beginnt meist ein Jahre langes Martyrium. Rawson: "Die Süchtigen begeben sich im Schnitt erst sieben Jahre nach Beginn des Konsums in Therapie. Von selbst schaffen sie das nicht, sie müssen Druck von der Familie oder Freunden bekommen." (APA)

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