Pressestimmen: "Zuckerbrot und Peitsche"

9. März 2006, 10:28
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"Iran darf nicht zum Bannerträger des gesamten militanten Islamismus werden"

Zürich/Rom/Mailand/Madrid - Zur Einschaltung des UN-Sicherheitsrats im Streit um das iranische Atomprogramm schreibt die internationale Presse am Donnerstag:

Tages-Anzeiger, Zürich

"Nun liegt es an den Europäern, den offenen Konflikt mit dem Iran zu verhindern. Ihre Unterhändler können den Karren noch aus dem Dreck ziehen, sofern sie sich aus der Nibelungentreue zu den Amerikanern lösen und die Russen aus dem Spiel nehmen (zu denen die Iraner ohnehin kein Vertrauen haben). Danach wäre es - als ersten Schritt - den Versuch wert, über die Urananreicherung zu Forschungszwecken im Iran zumindest zu verhandeln. Besser, der Iran reichert das Uran unter den Augen der Internationalen Atomenergiebehörde an, als dass er sich dem internationalen Kontrollsystem ganz entzieht. Ahmadinejad dürfte dies zwar als Sieg verbuchen, aber er könnte danach weniger leicht von seinem Versagen ablenken."

Neue Zürcher Zeitung

"Soll eine gefährliche weitere Eskalation vermieden werden, ist in New York zweifellos Kreativität gefragt. Ebenso klar ist jedoch, dass sich das Problem langfristig nur lösen lässt, wenn Iran wieder in die Gemeinschaft respektierter Länder zurückgeführt werden kann. Und da sind nicht zuletzt die USA gefordert. Ohne direkte Verhandlungen Washingtons mit 'Zuckerbrot' und 'Peitsche' dürfte sich die Lage kaum nachhaltig zum Guten wenden."

La Repubblica

"In einer surrealen Atmosphäre des Deja vu, der Wiederholung eines tragischen Films, den man schon einmal gesehen hat, machen sich die Regierung Bush, Europa und die Vereinten Nationen offenbar derzeit daran, das Regiebuch des Irak-Krieges auf den Iran anzuwenden. (...) Es handelt sich dabei um eine Show, die man so gut kennt, dass der Ausgang unausweichlich und berechenbar erscheint.

Ein erneuter Präventivkrieg, diesmal gegen den Iran. In Washington zirkulieren geradezu Szenarien eines globalen Angriffs, der gleichzeitig gegen die atomaren Installationen im Iran und in Nordkorea gerichtet und durch eine geheime Direktive von Verteidigungsminister Rumsfeld autorisiert sei."

Corriere della Sera

"Es gibt ein ganz eindeutiges Element in dieser Frage: Die politischen Hauptakteure der Welt wollen verhindern, dass sich der Iran ein nukleares Waffenarsenal zulegt. Um zu verhindern, dass der Iran zum unberechenbaren und bewaffneten Bannerträger des gesamten militanten Islamismus wird. Und auch, weil die Drohungen des iranischen Präsidenten Ahmadinejad befürchten lassen, dass die Bombe eines Tages gegen Israel eingesetzt werden kann (das allerdings selbst über Atomwaffen verfügt).

Aber die Weiterleitung des Problems an den UN-Sicherheitsrat eröffnet nunmehr ein neues Kapitel: Das der operativen Entscheidungen. Und das ist genau der Punkt, an dem Geschlossenheit und Klarheit Gefahr laufen, sich zu verflüchtigen."

El Pais, Madrid

"Die Einschaltung des Weltsicherheitsrates bedeutet eine weitere Zuspitzung des Konflikts zwischen dem Westen und dem Ajatollah-Regime im Iran. Die Diplomatie hatte in drei Jahren keine Fortschritte erzielt. Im Sicherheitsrat wird eine einheitliche Linie dadurch erschwert, dass mehrere Regierungen meinen, der Iran werde schlechter behandelt als Pakistan, Israel oder Indien.

Sanktionen wird es nur geben, wenn das theokratische Regime alle Warnungen der UN ignoriert. Allerdings kann man eine weitere Eskalation nicht ausschließen. Die Krise ist vor allem deshalb so gefährlich, weil Teheran nach Ansicht des Westens auf Grund seiner Lügen und Täuschungsmanöver jede Glaubwürdigkeit verloren hat."(APA/dpa)

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