Stararchitekt Harry Seidler, 1923–2006

16. März 2006, 17:30
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Der in Wien geborene australische Architekt war ein Meister der lässig fließenden Formen

Abschied von einem der international wichtigsten großen Gestalter und Baukünstler der letzten Jahrzehnte: Gestern starb der in Wien geborene australische Architekt Harry Seidler, ein Meister der lässig fließenden Formen, in Sydney.


Sydney – Als der damals 15-jährige Harry Seidler im März 1938 vom Schulskikurs nach Hause kam, fand er seine Heimatstadt Wien beflaggt und verändert vor. Später erinnerte er sich daran, dass ihm die vielen Fahnen mit den Hakenkreuzen gefallen hätten, dass die Stadt festlich und schön ausgesehen habe, und dass er damals keine Ahnung gehabt habe, was das alles zu bedeuten hatte. Wenig später musste der Fabrikantensohn mit seiner Familie nach England emigrieren.

Über ein halbes Jahrhundert später, Anfang der 90er-Jahre, holte Wiens Altbürgermeister Helmut Zilk den inzwischen weltbekannten Architekten nach Wien, um ihn zu ehren und ihm die österreichische Staatsbürgerschaft wieder zu verleihen, die ihm die Nazis aberkannt hatten. Seidler kam aus Sydney angereist, wo er ein international tätiges großes Architekturbüro betrieb. Zur Feier im Rathaus waren auch einige österreichische Architekten geladen. Ehrungen, so meinten sie, seien schön und gut, doch viel wichtiger wäre es, Seidler in Wien bauen zu lassen.

Unter Planungsstadtrat Hannes Swoboda bekam Harry Seidler schließlich den Auftrag, den er in der Folge als den wichtigsten seines Lebens bezeichnen sollte: Er plante den so genannten Harry Seidler Turm mit der schwungvollen Spitze und den Wohnpark Neue Donau, dessen Appartements den wohl besten Blick über Wien und seinen großen Strom eröffnen. Die Projekte wurden 1999 fertig gestellt.

Mit Harry Seidler starb gestern eines der letzten Bindeglieder zur Epoche der Klassischen Moderne. Er hatte in Harvard bei Walter Gropius studiert und auch bei Marcel Breuer gelernt. Er war als junger Architekt nach Brasilien gegangen und hatte bei Oscar Niemeyer beobachtet, wie man den Stahlbeton zum Fließen bringt. Eigentlich wollte er in den USA bauen, vielleicht auch in Europa, jedenfalls aber an der Quelle der Moderne bleiben, doch seine Mutter rief ihn irgendwann in den späten 40er-Jahren nach Australien: "Komm her und bau mir ein Haus."

Mit dem "Rose Seidler House" in Turramurra (1948–50) mit seiner auskragenden Form und den großen Fensterbändern brachte der noch taufrische Architekt die Ideen des Bauhauses nach Down Under. Das Gebäude faszinierte sofort, und es beschleunigte Seidlers beeindruckende Karriere, die ihn zum angesehensten und wohl auch zu einem der geschäftstüchtigsten Architekten Australiens machte.

Seidler baute Wohnhäuser, Geschäftshäuser, Hochhäuser. Große Formate, kleine Formate, Wolkenkratzer. Seine Formensprache war die der klassischen Moderne, doch zögerte er nicht, deren Strenge und Kühle durch lässig fließende, mitunter fast freie Formen zu brechen und freundlich zu machen. In seiner Frau Penelope, die Architektin und Juristin war und den wirtschaftlichen Part des Büros dirigierte, hatte Seidler die kongeniale Partnerin.

Zu seinen wichtigsten Arbeiten zählen die Australische Botschaft in Paris, die Wohnhaustürme "Horizon" in Sydney, die Shell-Zentrale in Melbourne. Das Wohnhaus seiner Mutter ist heute ein Museum, alljährlich versammeln sich dort die Harry-Seidler-Fans, um den architektonischen Aufbruch der 50er-Jahre zu feiern.

Mit einem schwarzen Filzschreiber in goldener Hülle pflegte der zarte, nicht groß gewachsene Mann stets und ständig seine Gedanken auf alle möglichen Papiere zu übertragen. Während eines Interviews in Wien meinte er, Serviette und Speisekarte nebenbei bemalend, er sei froh darüber, wieder hier zu sein. Die Jugend heute, so Harry Seidler, habe verstanden, was damals passiert sei, als er jung gewesen wäre, Bitterkeit und Unversöhnlichkeit hätten in seinem Weltbild jedenfalls keinen Platz.

Über die großen Wiener Projekte, die Seidler gemeinsam mit dem Wiener Architekturbüro Nehrer+Medek abwickelte, näherte er sich seiner ehemaligen Heimatstadt wieder an. Ein Wohnbau in Simmering, den Seidler vor einem Schlaganfall im vergangenen Jahr geplant hatte, wird Manfred Nehrer, der Seidler als Präsident des Künstlerhauses seinerzeit die Ehrenmitgliedschaft verlieh, nun mit seinem Team vollenden. Er meint: "Es war ein großes Erlebnis, mit Harry Seidler arbeiten zu dürfen, jedes Gespräch mit ihm wurde zu einer Vorlesung, er war ein vom Gestalterischen beseelter Architekt."

Aufgrund seiner Krankheit musste der stets freundliche Mann sein letztes Lebensjahr im Rollstuhl verbringen. Er hatte gehofft, seinen Lebensabend großteils in Wien verbringen zu können, natürlich planend und zeichnend. "Wenn man mir das Skizzieren wegnähme", hatte er zu Nehrer gesagt, "würde ich sofort sterben." Am Mittwoch, den 22. März, findet im Wiener Künstlerhaus um 19 Uhr eine Gedenkveranstaltung statt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.3.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der in Wien geborene australische Architekt Harry Seidler ist im Alter von 82 Jahren gestorben. Im Bild: Harry Seidler am 18. Juni 2003 vor einem seiner Projekte, dem "Wohnpark Neue Donau".

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    foto: buchcover taschenverlag

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