Bereiste Opernlandschaften

16. März 2006, 17:28
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Das Warten hat ein Ende, eine neue Tenorgeneration ist da: Rolando Villazón und Ian Bostridge

... zeigen mit neuen Aufnahmen, wie man Musik durchlebt.


Sie sind noch singend unterwegs, die ehemals großen drei. Luciano Pavarotti befindet sich auf seiner langen Abschiedstournee, José Carreras hat sich CD-mäßig in den Crossoverbereich hinübergerettet, und Plácido Domingo setzt sich nach wie vor gerne einer Mehrfachbelastung aus: Er leitet Opernhäuser, ist Dirigent und singt noch da und dort. Vorigen Sommer hat er sich gar einen Lebenstraum erfüllt und eine Tristan-Gesamtaufnahme (EMI) vorgelegt, die man allerdings nicht unbedingt haben muss. Sind sie also noch nicht ganz verstummt, so ist der tenorale Generationenwechsel doch längst vollzogen. Namen wie Roberto Alagna, José Cura, Ramon Vargas und Juan Diego Flores erwecken das Opernrepertoire der großen Gefühle zum Leben. Allein, in dieser edlen Runde scheint Rolando Villazón am ehesten den Anforderungen eines modernen Tenors zu entsprechen, da er die Mischung aus Gesang und Schauspiel auf der Bühne mit ganz seltener Leichtigkeit fusioniert.

Er jongliert schon einmal aus Spaß während einer Arie mit drei Orangen in der Art eines sattelfesten Clowns. Und in Salzburg hat er neben Sopranistin Anna Netrebko in "La Traviata" extrem gute und ernsthafte Figur gemacht - man kann dies auf der Gesamtaufnahme (Universal) auch nachhören. Die Theatralik hat bei Villazón etwas völlig Selbstverständliches, und sie findet auch außerhalb der Opernhäuser ihre Fortsetzung - bei Interviews kann man schon in den Genuss einer spontan vorgespielten Opernszene kommen. Aber der Mann aus Mexiko, der Plácido Domingo als Vorbild nennt, ist dabei völlig authentisch, muss sich nicht verstellen. Für alle - auch für ihn - ein Glücksfall.

Zudem ziemlich vielseitig: Einst wollte er Geistlicher werden, mittlerweile entspannt er sich wie Caruso als Karikaturist, und er möchte einmal ein Buch schreiben, vielleicht auch - wie Domingo - später ein Opernhaus leiten. Noch etwas: Mit einer Psychologin verheiratet, hat er schon eine Psychoanalyse hinter sich - angeblich kontaktiert er, wo immer er gerade ist, wöchentlich den Seelenberater seiner Wahl. Ohne seine Kunstqualitäten wäre das alles natürlich auch nicht sonderlich interessant, ganz frisch nachzuhören auf Opera Recital (EMI).

Hier pendelt Villazón - begleitet vom Münchner Rundfunkorchester unter Michel Plasson - zwischen Offenbach, Puccini, Mascagni, Giordano, Flotow, Verdi, Tschaikowsky, Strauss, Donizetti und Bizet, demonstriert also seine Vielseitigkeit, die ihn irgendwann auch zu Wagner (Lohengrin würde ihn interessieren) führen könnte. Wunderbar, wie er die Zerrissenheit Hoffmanns bei Offenbach umsetzt; Verzweiflung und hysterische Freude sind zugegen, dabei auch ein Pendeln zwischen strahlender Höhe und gekonnter Zurücknahme der Stimme, um Intimität zu generieren. Die Stimme klingt in allen Lagen prägnant und ungefährdet, ist befähigt, jedweden Ausdruck umzusetzen, jede Linie logisch und gerne auch lyrisch zu gestalten. Bei Bedarf ist auch ein kleiner, verzierender Schluchzer drin - mitunter muss man wohl ein bisschen dick auftragen. Etwa bei Bizets Blumenarie, wo es auch angebracht ist. Der Mann mach Spaß und wird uns noch viel Spaß bereiten - bald aber bei Universal als Label-Nachbar von Sangeskollegin Anna Netrebko. Man wird die beiden, die sich ja auch wirklich gut - und nicht nur auf der Bühne - verstehen, als neues Operntraumpaar vermarkten.

Wenn wir schon bei Tenören sind, sollten wir auch Ian Bostridge nicht vergessen. Er ist nicht - wie Villazón - im Belcantobereich zentriert, und der pure Schöngesang ist nicht unbedingt die Sache des Briten. Aber seine Liedinterpretationen (Schubert etwa) bringen existenzielle Minidramen. Und wer ihn auf der Bühne erlebt hat, der hat erlebt, was Selbstentäußerung und das Durchleben von Musik bedeuten. Am Beispiel von Benjamin Brittens Liedern mit orchestraler Begleitung (EMI) kann man es nachhören. Es sind schummrige Musikgewächse, die Bostridge die Möglichkeit geben, sich poetisch zu geben (Les Illuminations op. 18, Nocturne op. 60) und auch als Geschichten- erzähler (Serenade op. 31) in Erscheinung zu treten. Bostridge geht in die Tiefe, Schönheit ist präsent, aber nie Selbstzweck. Dafür sorgen auch die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle, die Bostridge mit vollem Klang in jeden Abgrund delikat folgen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.3.2006)

Von
Ljubisa Tosic []
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    Rolando Villazón

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