Die Kunst der Schmiere

16. März 2006, 17:28
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"Hello Young Lovers" - wieder einmal ein Meisterwerk der Operetten-Popper Sparks

Die Operetten-Popper Sparks alias Ron und Russel Mael aus Los Angeles legen nach 35 Jahren Bandgeschichte mit "Hello Young Lovers" wieder einmal ein Meisterwerk vor. Christian Schachinger ist begeistert.


Vor manchen Dingen schreckten selbst die für ihre noble Zurückhaltung nicht gerade bekannten Queen mit Freddie Mercury zurück. Abgesehen vom herrlich durchgeknallten Album-Opener Dick Around, der in sechs Minuten an beinahe jeder Stelle der Musikgeschichte der letzten 250 Jahre vorbeikommt, ohne nicht auch unfassbar eingängig zu klingen: Der Song Nummer vier auf diesem neuen Album der Sparks aus Los Angeles ist schon ein Hammer. Wir hören eine unglaublich übertriebene Zumutung, mit denen andere Musiker zumindest die Hälfte eines ganzen Meisterwerks bestreiten würden. In der Mitte zwischen zickigem Kunstpop, Operette, barocken Chören und afrikanisch im Sinne von polyrhythmischen Gitarren der Talking Heads in deren Zeit von Remain In Light anmutenden Einsprengseln höhnen die Gebrüder Ron und Russell Mael auf dieser 20. Arbeit in 35 Jahren seit Gründung über jüngere US-Politik, wie es nur den ganz Großen gebührt: "Baby, baby, can I invade your country?!" Und bitte beim Hören immer schön doppeldeutig denken!

Vaudeville, Operetten-Talmi, aufgeklebte Schnurrbärte und Wimpern. Große vom klassischen Hollywood abgeschaute Gefühle - und im Sektglas statt Schaumwein auf der Bühne immer gespritzter Apfelsaft: Die Sparks sind Zeit ihrer Karriere immer gleichzeitig bunte wie falsche Hunde gewesen.

Mit dem süffisant betitelten, weil eben auch mit ihrer historischen Rolle spielenden Album Hello Young Lovers werden sie nicht nur wieder einmal wie gewohnt knapp am verdienten Welterfolg vorbeischrammen. Zu viele Noten bei zu vielen Ideen. Dieses in der Popgeschichte außer von Queen oder den peinlichen Retro-Rockern The Darkness kaum je so offensiv gewagte Baden in Gebirgen von glamourösen Pappmasche-Welten gilt trotzdem seit ihrem ersten und einzigen halbwegs kommerziell erfolgreichen Welthit This Town Ain't Big Enough For The Both Of Us aus 1974 vom legendären Album Kimono My House als einer der zwingendsten Gründe, sich Glam-Pop der klassischen Prägung auch noch heute freiwillig anzuhören.

Nach dem mit großem Orchester und ohne Beats konzipierten, eher mauen Lil' Beethoven aus 2002 hatte man die Brüder zwar schon abgeschrieben. Immerhin gelang den Sparks zuletzt mit Gratuitous Sax & Senseless Violins 1994 die letzte gelungene Songsammlung. Hello Young Lovers bietet jetzt mit den musikalischen Gästen Dean Menta von den US-Crossover-Stars Faith No More an der wuchtigen und harten Metal-Gitarre oder Schlagzeugerin Tammy Glover aber einen späten Höhepunkt der 1970 in Los Angeles gegründeten und künstlerisch immer mehr in Europa als in Amerika beheimateten Band.

Russell Mael gibt sich dabei mit Falsetto-Gesang nach wie vor als männliche Diva, der man eines nicht vorwerfen kann: Kaum ein Lied krankt hier an mangelndem Mut zum Outrieren, an zu großer Vorsicht bezüglich haltloser und genüsslich in Dur und moll badender, jubilierender und in Schönheit sterbender Entäußerung. Entäußerung im Sinne von: beherztes Schmierentheater. Ron Mael, der Mann in der Mitte zwischen Computer-Nerd, Charlie Chaplin und Groucho Marx, fährt dazu als lenkende Hand an den Computern nicht nur ab und zu wieder in mehr an Orchester-Suiten denn an klassischen Pop erinnernden neuen Meisterwerken wie Metaphor, Waterproof oder There's No Such Thing As Aliens das volle Programm. Mit Streichorchestern aus der Steckdose, Walzertakten, Pizzicati, verrückten Singspielen zwischen Broadway und Carmina Burana, bedrohlichen Pauken, klingendem Glockenspiel und Headbanging in der Hardrock- und/oder Boystown-Disco.

Selbstverständlich ist man am Ende nach der letzten Nummer As I Sit To Play The Organ At The Notre Dame Cathedral restlos erledigt. Die nervenaufreibende Tour de force durch dieses himmelhochjauchzende und manchmal auch augenzwinkernd, aber doch zu Tode betrübte Universum einer Popwelt mit doppeltem Boden macht den Sparks hier dank Hello Young Lovers auch nach 35 Jahren noch immer niemand nach. Herauf von Kimono My House über Propaganda und Indiscreet aus den Siebzigern oder ihren auch dank Kollaborationen mit Giorgio Moroder wegweisenden Disco-Arbeiten, etwa dem heimlichen Welthit Angst In My Pants, muss eines klar sein. Keiner, der sich abseits von David Bowie für gleichzeitig überlebende wie prägende Popmusik interessiert, kommt an den Sparks vorbei. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.3.2006)

  • Sparks Hello Young Lovers (GUT/Edel)
    foto: gut/edel

    Sparks
    Hello Young Lovers
    (GUT/Edel)

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