Abschiede sind schön

27. März 2006, 16:04
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Die Mailänder Schauen für die nächste Saison zeigten die Mode an einem Wendepunkt: Girlie-Fashion ist vorüber, aus Frauen werden Göttinnen

Rettete Donatella Versace Mailands Designern die Herbst / Winter-Saison 2006 / 07? Mit einer richtungsweisenden Kollektion jedenfalls zeigte Giannis kleine Schwester, wie die widerstreitenden Elemente in der Moda alla milanese sich verschmelzen lassen. Denn die Mode ist generell an einem Wendepunkt angelangt. Die viel zitierte, schwarzgewandete neue Innerlichkeit der Pariser Laufstege hat schon in diesem Winter der verspielten Girlie-Fashion und dem funkelnden Glitzer-Glamour den Kampf angesagt. Doch beide waren so schöne Verkaufsargumente! Und außerdem, wie sollte es nun weitergehen, ohne in düsterer Tristesse zu versinken?

Donatella Versace

Donatella wusste Rat. Sie schnitt zwar ihre kurzen, in A-Linie schwingenden Mäntel und die körpernahen Jacketts zu den schmalen Hosen so messerscharf und klarlinig-streng wie mit dem Skalpell, aber sie setzte Glanzlichter aus Lack in mitternachtsblaues Wolltuch mit Hilfe von Blenden, Nahtbetonungen und Paspeln. Und auf jeder Jackentasche strahlte zusätzlich ein dickes, gelacktes V wie Versace auf. Dazu schimmerten perlgraue, hochgeschlossene Jerseykleider verführerisch unter Pelzen in Kardinalspurpur und Flaschengrün, und ihre makellos drapierten Abendkleider gereichten jeder Göttin zur Ehre.

Damit gab sich Donatella Versace zwar genau so streng wie die Konkurrenz, präsentierte dies aber ungleich glamouröser. Denn vielen Beobachtern waren die knabenhaften, schwarzen Mädchensilhouetten, die zum Beispiel bei Jil Sander zu sehen waren, einfach zu schmucklos mit ihren kargen, weißen Hemdblusen und den Endlosbeinen in superschmalen Hosen.

Raf Simons

Dabei zeigte der Belgier Raf Simons, der neue Mann in dem einst aus Hamburg kommenden Kultlabel, das nun an eine englische Investorengruppe verkauft worden ist, schöne, neue Silhouetten mit losen Mantelschnitten und hüftkurzen Jacken in A-Linie, bei denen jeder Knopf an der richtigen Stelle saß. Nur Roberto Menichetti, der auch für Sander gearbeitet hatte, bevor er bei Burberry vor ein paar Jahren das Karo zum In-Print hochstilisierte, gelang es, für seine eigene Kollektion dieses Gespür für die große Linie mit neuen, innovativen Details zu verknüpfen. Einmal war es eine hochgelegte Bogennaht, welche die allgegenwärtige Empire-Taille neu interpretierte, einmal waren es Schnurdurchzüge, die Jackenfronten eine neue Optik vermittelten.

Miuccia Prada

Auf ihre ganz eigene Art verstand es Miuccia Prada, die schmucklose Strenge ihrer vorwiegend grau-schwarzen Kombinationen zu beleben. So besetzte sie einen minikurzen Tweedrock, wie zufällig, mit einem Stück Opossumfell oder musterte mit Leopardenflecken einen flanellgrauen Dufflecoat. Im Mittelpunkt ihrer Entwürfe stand jedoch der Parka ihrer Studienzeit. Nun kombinierte sie ihn als schenkellangen, eiförmigen Kapuzenblouson, fein auf Taille gegürtet, zu wadenlangen Taftröcken und zog ihn als Manteljacke minikurze Jerseyhängerchen über, denen sie mit einem BH-Top eine hochgelegte Empiretaille andeutete.

Fast spielerisch hatte La Prada auf diese Weise neue Weiten und Volumen modisch zusammengebracht, was ein wichtiges Thema in den Mailänder Kollektionen war. Wirkten Alberta Ferrettis eiförmige Kleider und die gesteppten Tonnenmäntel noch ungewohnt, so machte es Spaß, Consuelo Castiglioni zuzusehen, wie sie für ihre Marni-Kollektion Neuland entdeckte. So begleiteten kugelrunde, sich blusende Oberteile kuppelförmige Dirndlröcke, und weite Kleider spielten mit losen, angekrausten Taillen. Legte ein Schleifenband an Taftblusen die Taille hoch, so senkten sie lässig weite Flanellhosen auf die Hüften. Dazu trugen Consuelos Mädchen wieder Lackstiefel, sogar mit bequemen Absätzen, und die Haare zurückgenommen zu fast ungeschminkten Gesichtern.

Max Mara

Dabei gelang es ausgerechnet Max Mara, einem Label, das eher für anspruchsvolle Konfektion statt für Designermode steht, die Schmucklosigkeit in Mailands Kollektionen auf besonders glamouröse Art zu inszenieren. Dafür wurden wieder einmal die achtziger Jahre für die Mode entdeckt. Unter superweiten, fast knöchellangen Tweedmänteln paradierten silberne Paillettenminis mit ballonweiten, grauen Sweatshirts, und Kapuzenpullover steckten in der zusammengeschnürten Kordel eiförmiger Karoröcke mit umgeschlagenem Saum. Immer dabei waren Leggings, knöchelkurz zu Stilettopumps oder flachen, bequemen Wanderstiefeln.

Frida Giannini

Denn ganz wollte man in Mailand nicht auf den Glanz und Glitzer der vergangenen> Saison verzichten. Das zeigte deutlich Frida Giannini, die neue Designerin und einstige Tom-Ford-Assistentin, für Gucci. Als Stilvorlage für goldene Anzüge mit superweiten Elefantenbeinen aus steifen Stoffen wählte sie David Bowie und die Tage des Glam-Rock im London der siebziger Jahre. Ihnen stellte sie die kürzesten Rocksäume der Stadt zur Seite in Erdbeerrot und Zyklam, das ebenfalls ein Leopardendruck belebte. Vieles davon erinnerte an Guccis große Zeit, als Tom Ford die Kollektion noch entwarf, trotzdem wollte der Funke nicht überspringen.

Dolce & Gabbana

Waren es Rückzugsgefechte, die - aus Freundlichkeit gegenüber Kunden, die in den Weiten Russlands beheimatet sind - der Mode noch einmal einen Reichtum an Optik bescherte, was schließlich in Dolce & Gabbanas spektakulärem Defilee einen Höhepunkt fand? Unzählige Goldknöpfe ließ Mailands erfolgreichste Boygroup über beigefarbene Jackenfronten sausen, seitlich an Hosenbeinen entlang, die in martialischen Schaftstiefeln steckten mit breiten, barocken Goldschnallen über dem Rist. Zu Napoleons Zeiten, und dessen Initial prangte goldgestickt im Lorbeerkranz auf Samttaschen und samtenen Pantoffeln, hätte man sich damit manchen Marschallstab errungen. Heute ist das fast zu schön, um realistisch zu sein!

Denn wer möchte schon die mit Perlen überreich bestickten Abendkleider im Stil von Napoleons Kaiserin Josephine einer rauschenden Ballnacht unserer Zeit aussetzen? Vielleicht saßen sie deshalb wie kostbare Vögel im Käfig einer Spieluhr, die sich langsam zu den Melodien von einst im Kreise drehte?
(Der Standard/rondo/10/03/2006)

Die spektakulärsten Defilees: Versace und Dolce & Gabbana. Von Peter Bäldle.
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