Fährten suchen

29. Juni 2006, 16:31
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Der Design-Professor Hansjerg Maier-Aichen hat sich auf der Messe "Ambiente" auf die Suche nach Produkt-Neuheiten begeben

Untersucht wurde das Verhältnis von Tradition und Innovation. Thomas Edelmann hat ihn begleitet.

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Jährlich wird bei der Konsumgütermesse Ambiente in Frankfurt der Kult des Neuen gefeiert. Aufgetischt wird, was die Emotionen der Käufer hier und jetzt anregen soll. Nicht ganz ans Programm hält sich die finnische Firma Iittala, die einen 70 Jahre alten Entwurf in den Mittelpunkt ihres Standes rückt. Unter dem Titel "Lederhosen einer Eskimofrau" hatte ihn Alvar Aalto zu einem Glaswettbewerb der Weltausstellung 1937 in Paris eingereicht. Anders als in den Dreißigerjahren üblich, entwickelte Aalto seinen Entwurf nicht in einer möglichst maschinengerechten Form. Hersteller Iittala zelebriert das Stück im Zehn-Jahres-Turnus mit jeweils neuen Farbvarianten. Aaltos Design-Erbe wird gepflegt - mit Humor und Nachdruck.

Hätte ein heutiger Entwurf eine Chance auf ein vergleichbar langes Leben? Wohl kaum. Kurzfristige Erwägungen der Hersteller und Firmenstrategen verlangen nach permanenter Innovation. Was sich nicht rasch behauptet, fliegt aus der Kollektion.

Neuheiten als Adaptionen oder Kopien

Der Markt für anspruchsvoll gestaltete Gegenstände ist seit Aaltos Zeiten immens gewachsen, doch droht er in den kommenden Jahren von vielen Seiten massiv unter Druck zu geraten. In Deutschland wirken sich sinkende Einkommen unmittelbar aus. Das Verhältnis von Innovation und Tradition macht denn auch Hansjerg Maier-Aichen zum Thema seiner regelmäßigen Designrundgänge, die die Messe für Journalisten veranstaltet. "Wer Geschmack an Neuem findet, hat nicht unbedingt das Geld dazu", sagt der bekannte Designexperte. "Das Meiste, was wir hier als Neuheit geboten bekommen, ist Adaption oder Kopie."

--> Barrieren zum Marktzugang und das riesige Potential des Designnachwuchses

Maier-Aichen spitzt zu. Er hält Ausschau nach dem würdigen Nachfolger, einem Unternehmer, der den Kampf wieder aufnimmt: Einer, der dem Designnachwuchs, diesem "riesigen, kreativen Potenzial, das heute brachliegt", neue Projekte entlockt und sie auf den Markt bringt. Einer, der gegen Kopisten ankämpft und mit gut gestalteten Objekten große Stückzahlen macht. Doch danach sieht es im Moment nicht aus. "Sobald Unternehmen Erfolg haben, müssen sie breiter werden, verwässern ihr Profil."

Und die Barrieren zum Marktzugang werden immer höher. Der alltägliche Bedarf an Accessoires und Haushaltsgegenständen wird längst von Ikea, Tschibo und einigen Discountern gedeckt. Ihre Einkaufsmacht ist so groß, dass sie Spielraum bei der Preisgestaltung haben. "Ich habe noch nie erlebt", sagt Maier-Aichen, "dass irgendjemand ein gutes Produkt eines Discounters kopieren würde. Denn billiger geht's nicht."

Klassische Aufgaben des Herstellers wandern heute zum Designer. Er muss sich mit Ressourcen auskennen, Materialien und Technologien beurteilen und den Kontakt zu den Produktionsstätten in aller Welt halten. Der Händler als Mittler zwischen Hersteller und Kunde verliert an Bedeutung. Zwar hat das eine größere Entscheidungsmacht für Kunden zur Folge, die wird aber im Internethandel mit neuen Aufgaben wie Logistik und Überwachung des Geldtransfers erkauft. Letztlich entscheidet der Preis. Für Designverleger ein Dilemma. Ihre anspruchsvoll gestalteten Objekte sind zu spröde, um als Luxus durchzugehen, zugleich müssen sie deutlich mehr kosten als ein funktional vergleichbarer Gegenstand beim Discounter.

Den Journalisten auf dem Rundgang stellt Maier-Aichen junge Unternehmen vor, die dennoch hoffen, sich künftig ein Stück vom großen Designkuchen abschneiden zu können. Etwa die niederländische Marke Royal VKB, die bislang nur in Holland bekannt ist. Designmanager Jan Hoekstra und Chris Bakker, Mitgründer von Droog-Design, entwickelten ein neues Markenprofil, um das zu ändern. Gleich fünf ihrer Produkte bekamen den Design-Plus-Preis der Messe, vom Serviertablett über den Saucen-Spender und die Knoblauchpresse bis zur Isolierkanne.

--> Traditionelle Manufakturen und Chance in der Flexibilität

Designer sind für Grenzverschiebungen zuständig

"Die Leute sind wichtig, nicht die Produkte", behauptet der in Paris lebende Designer Arik Levy. Wir treffen ihn in Halle 10.5, auf der feinsten Etage der Messe für Glas- und Porzellanhersteller. Für die türkische Unternehmerin Gaye Cevikel und ihre internationale Marke Gaia & Gino hat Levy eine umfassende Glaskollektion entwickelt. Seine Auftraggeberin lässt ihre Kleinserienprodukte in Deutschland, Tschechien und Frankreich fertigen, "denn ich suche höchste Qualität", sagt sie. Und die bekommt sie bei kleinen, europäischen Manufakturen.

Arik Levy schätzt deren Flexibilität. "Das ist überhaupt der entscheidende Parameter der Produktion heute", sobald traditionelle Manufakturen entdeckten, welche Chance für sie in der Flexibilität liegt, sei ihr Überleben gesichert. Designer sind für Grenzverschiebungen zuständig. Umso wichtiger, dass sich Produktionspartner aufgeschlossen zeigen. Etwa bei "Kaz", dem Kerzenleuchter aus Spritzguss-Glas. Ein Verfahren, das bei Glas unüblich ist. Und doch hat es funktioniert. In einer technischen Zeichnung lässt sich Levys Objekt nicht darstellen, das bedeutet eine Barriere für Kopisten, einen kleinen Vorsprung für Gaia & Gino. Aktiv und flexibel sind die neuen Marken am Designhimmel. Ob man wohl in siebzig Jahren noch über sie reden wird?

Zur Person Hansjerg Maier-Aichen

Hansjerg Maier-Aichen, Jahrgang 1940, ist ausgebildeter Innenarchitekt und Produktgestalter. Anfang der 60er-Jahre wechselte er vorübergehend in die Kunst, war Maler und Bildhauer. Als Kulturberater der Europäischen Gemeinschaft unternahm er Reisen in die ganze Welt. 1983 gründete er die Marke Authentics. Mit eigenen Produkten aus transluzentem Kunststoff prägte er maßgeblich das Design der Neunzigerjahre.
Designer wie Konstantin Grcic, Sebastian Bergne, Mattali Crasset und Vogt+Weizenegger bekamen von ihm ihre ersten Aufträge. Wegen einer zunehmenden Zahl von
Kopien, familiärem Zwist, einer ausufernden Flut neuer Produkte bekam Authentics Probleme. Maier-Aichen musste Insolvenz anmelden und sich von seiner Marke trennen. Heute lehrt er Design an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, ist Designberater der thailändischen Regierung und trat auch als RONDO-Autor bereits in Erscheinung.
(ted/Der Standard/rondo/10/03/2006)

  • Ein 70 Jahre alter Klassiker-Entwurf von Alvar-Aalto - welche Chancen hätte dieses Objekt heute?
    foto: hersteller

    Ein 70 Jahre alter Klassiker-Entwurf von Alvar-Aalto - welche Chancen hätte dieses Objekt heute?

  • Karaffen mit Messstab von WATdesign für Royal VKB
    foto: hersteller

    Karaffen mit Messstab von WATdesign für Royal VKB

  • Hansjerg Maier-Aichen
    foto: hersteller

    Hansjerg Maier-Aichen

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