Bodenlos

6. Juni 2006, 14:04
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Neue Ideen und Materialien klopfen den Staub aus dem Wohnobjekt Teppich, dem eine Verjüngungskur gut tut

Das Sofa hat der Trend in die Knie gezwungen - etwa durch den niederländischen Designer Marcel Wanders, der mit dem Teppichsofa "Nomad Carpet" bodennahes Herumlümmeln möglich machte. Jetzt rückt der Zeitgeist auch dem Teppich immer mehr zu Leibe und macht ihn - wie es bei diversen Nomadenvölkern längst üblich ist - zum Universalmöbel. Innovative Designideen integrieren das bisher weit gehend bodenständige Textil in Wohnlandschaften und Kleinmöbel oder lassen Kunden Teppichteile individuell zusammenstellen. Die Materialien reichen dabei von Filz bis hin zu eingewobenen Edelstahlfäden. All das hat Teppichklopfereffekt und peppt das verstaubte Image des Teppichs auf, um dieses besondere Textil auch für ein jüngeres Publikum interessant zu machen. Alteingesessene Funktionen werden dabei neu definiert. RONDO blieb am Teppich und schaute sich um.

Der Kreative
In mehreren Kollektionen modifiziert der Berliner Architekt und Teppichdesigner Jürgen Dahlmanns (Rugstar) den Teppich. Dabei unterstreicht Dahlmanns seine Funktion als raumbildendes Möbel. "Mit einem Teppich wird ein Esstisch zum Essbereich und ein Sofa zum Wohnbereich." Diesem Konzept folgend, entwarf der Berliner Designer unter anderem die Kollektion "Mix & Match", bei der einzelne Teppichteile nach dem Prinzip von Dominosteinen aneinander gefügt werden können.
Die Serie "Hybrid & System" erhebt den Teppich aus seiner ursprünglichen Bodennähe und macht ihn zum Sitzmöbel. Dabei bespannt Dahlmanns Hocker oder verwendet einen Teppich als Sitzschale in einem klappbaren Edelstahlrahmen. Bei "Cutting Circle" werden kreisrunde Löcher in Teppiche geschnitten, die wieder an ihren ursprünglichen Platz gelegt oder frei im Raum verteilt werden können. Warum er die ursprüngliche Daseinsform des Teppichs denn überhaupt angreifen muss, beantwortet Dahlmanns auch mit seiner Vergangenheit als Architekt. "Da ich den Teppich aus einer architektonischen Position heraus betrachte, komme ich natürlich in die Situation, den Teppich modifizieren zu müssen. Das kann dem Textildesigner nicht passieren, denn er hinterfragt die Struktur auf dem Teppich, aber nicht, was der Teppich im Raum leistet."
www.rugstar.com

Der Strukturelle
Auf Strukturen hat sich die Designerin Mary-Ann
Williams spezialisiert. Für die von "Illustration" produzierte Pasta-Reihe hat sie sich italienische Nudelformen zum Vorbild genommen. So erinnert etwa der Flokati-Teppich "Sconcogli" in Form und Farbe an Muscheln. Auch bei den in unterschiedlichen Farben erhältlichen Modellen "Pappardelle", "Tagliatelle" und "Maltagliati" wird die Struktur ihren kulinarischen Namensgebern angepasst. Das aus reinen Naturmaterialien hergestellte Gewebe ist atmungsaktiv und kann nach seinem Leben als Wohnaccessoire auf dem Kompost Wiederverwertung finden. Und auch Williams' Kollektion bleibt nicht nur auf dem Boden.
Die in Handarbeit aneinander gefügten Streifen aus 100 Prozent Wollfilz sind auch als Matratzen, Polster und Tischsets erhältlich.
www.feltshop.de.tt

Der Natürliche
Mit Vorbildern aus der Natur entsteht bei Paola Lenti der Teppich "Grass", dessen ungewöhnliche Struktur eine künstliche Grünfläche schafft. Diese Wohnzimmerwiese besteht nur zur Hälfte aus natürlicher Wolle - der andere Teil besteht aus Polyamid. Auch Teppich "Ray" aus der Kollektion "Aqua" ist eine natürliche Geschichte, bei der vertikal gewobene Streifen an einen Lichtstrahl erinnern sollen.
www.paolalenti.it

Das Hightech-Stück
Materialtechnisch abheben will der Bielefelder Teppichspezialist Carpet Concept, der vor allem auf innovative Werkstoffe setzt - so etwa mit der Kollektion "Mod" von Designer Carsten Gollnick. Mit Kunststoff ummantelte Fäden formen die Oberfläche der Objektböden, die im Zusammenspiel mit Licht schimmern.
Mit der Kollektion "The Tec Generation" gewann der Teppichproduzent 2004 den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland. In die blauen, roten, grauen, braunen oder schwarzen Fasern sind metallische Edelstahlfäden eingezogen, welche das Licht reflektieren und die Qualitäten eines klassischen Teppichbodens mit jenen des Hartbelags kombinieren. Entworfen wurden die Programme "Tec Pearl" und "Tec Wave" unter anderem von Hadi Teherani und Claudi de Bruyn.
www.carpet-concept.de

Der Einfache
Vom Schweizer Hersteller "Ruckstuhl" wurde der Gestalter Alfredo Häberli engagiert. Für ihn wurden 1,60 Meter breite Filzbahnen zur gestalterischen Herausforderung. Er näherte sich ihr mit Schnallen, Scharnieren, Klammern und Reißverschlüssen. Die technischen Verbindungen eröffneten aber auch neue optische Möglichkeiten. Sie wurden kurzerhand als Gestaltungselemente in die Teppiche integriert. In dem in Blau und Rot erhältlichen Filzteppich "Salim" ist davon allerdings nichts zu sehen. Als Vorlage dienten Häberli Tortenuntersätze aus Papier. Mithilfe moderner Lasertechnik schnitt er Muster in den Filz und kombinierte so ein uraltes Material mit moderner Technik.
www.ruckstuhl.com

Der Traditionelle
Der Teppich kann also alles sein - Möbel, Polster oder Konkurrenz für das Sofa. Aber auch in seiner herkömmlichen Form findet er natürlich nach wie vor eine Vielzahl von Fans, die vor allem bei traditionellen Orientteppichhändlern auf ihre Musterkosten kommen, so zum Beispiel beim Wiener Teppichhändler Adil Besim. Der Experte greift unter anderem auf sehr alte Nomadenmuster zurück, die zumeist bei dem Versuch entstanden, aus Wollresten noch ein ansprechendes Muster zu knüpfen. Ein Beispiel dafür ist der in Südpersien hergestellte "Basiri Sahar". Die Designer bleiben dabei - wie bei Orientteppichen üblich - anonym.
www.adil-besim.at
(Der Standard/rondo/10/03/2006)

Von Katharina Santner
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