Fragen Sie Ihren Arzt oder Architekten

6. Juni 2006, 14:04
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In den neuen Medizin- Supermärkten darf man sich wohlfühlen, denn endlich ist nun auch die Apotheke zum kleinen Konsumtempel avanciert

Migräne, Sodbrennen, Grippe oder Allergie. Die Beweggründe, die einen gelegentlich in die Apotheke treiben, könnten in der Tat besser sein. Kaum angekommen, will man auch schnell wieder weg. Die Ästhetik giftiger Leuchtstoffröhren hinter pistaziengrünen Resopalblenden heben jede wohltuende Wirkung einer noch so gut gemeinten Tablette unerbittlich auf. Was bleibt, ist der fahle Nachgeschmack einer gar nicht guten Medizin längst vergangener Jahrzehnte.

Zeit heilt alle Wunden, heißt es. Doch so lange wollte die Pharmazeutenzunft nun auch nicht warten. Spät, aber doch ist es also gelungen, die Apotheke als einen Ort der Genesung - oder zumindest von deren käuflichem Erwerb - zu erkennen. Ganz nach dem Motto "Was eine fesche, durchdesignte Viagra-Pille an Glücksregungen erzeugen kann, das kann die Architektur allemal", ist in den vergangenen Jahren auf diese Weise eine Reihe an außergewöhnlichen Innen- und Außenräumen entstanden, die sich ganz und gar dem visuellen Wohlbefinden verschrieben haben.

Die Sonnenscheinpille macht glücklich

Die Apotheke Humanitas 21 (Stadtgut-Architekten) in Wien-Floridsdorf macht den kränkelnden Menschen insofern wieder aktiv und vital, als hier der Eindruck eines kleinen Indoor-Verkehrsparks entstanden ist. Sattes und knalliges Gelb zieht sich durch den gesamten Raum, die schlängelnde Musterung im beschichteten Kunststoffboden scheint die Kunden zügig durch das Geschäft zu leiten. Widerstand zwecklos. Zu guter Letzt prangt an der Wand eine 20 Meter lange Plane mit aufgedrucktem Wolkenmotiv, auch dieses ist - ganz in der Natur der architektonischen Erleuchtung - knallgelb. Der Rest des Geschäftslokals ist mit grauen Eternitplatten Marke Baumarkt verkleidet, und dennoch scheint es schwer, den Architekten Glauben zu schenken, wenn sie meinen, "das Farbkonzept ist zurückhaltend in grauen Farbabstufungen gehalten", der gelbe Farbton setze lediglich markante Akzente im Raum. Wie auch immer, die Sonnenscheinpille macht glücklich.

Ein zartes Hallo aus der Tiefe des Bewusstseins

Ein gänzlich anderes Konzept verfolgt die Center-Apotheke aus der Feder der Purpur-Architekten. Mitten in einem St. Pöltener Einkaufszentrum gelegen, saugt die Apotheke ihre Kundschaft regelrecht ein. Die Mall-Fläche - so scheint es - wird ins Geschäftslokal gestülpt, die asymmetrisch organische Form orientiert sich unmissverständlich an der Hauptrichtung der Menschenströme. Erst einmal im konkaven Innenleben der pharmazeutischen Blase angekommen, macht sich bald eine oberärztliche Vertrautheit breit. Die Fronten sind - einem Kittel nicht unähnlich - mit weißem Kunstleder gepolstert. Horizontale Schlitze offenbaren schließlich die zum Verkauf angebotenen Produkte wie in Taschen. Die Nischen sind fein hinterleuchtet, ein zartes OP-Grün sagt aus der Tiefe unseres Bewusstseins kurz Hallo.

Der Spektakelgesellschaft allerhand bieten

Der wahre Clou der Center-Apotheke jedoch liegt in der versteckten Logistik surrender Roboterarme. Aufgrund der knappen Raumverhältnisse befindet sich das eigentliche Herz des Geschäfts in einem vollautomatisierten Lager, das zwar schalldicht isoliert, aber mit der Kassa vernetzt ist. Auf Knopfdruck erkennt der Roboterarm seinen Auftrag, zischt los, greift nach dem gewünschten Medikamentenschachterl, zischt retour und schmeißt es elegant in eine Niro-Rutsche, aus der es im Handumdrehen dem Kunden entgegengespuckt wird. Voilà! Und damit es in der Zwischenzeit nicht fad wird - schließlich muss man der Spektakelgesellschaft allerhand bieten - kann man das gespenstische Geschehen über eine Auslage bequem mitverfolgen - auch wenn der Spaß nur wenige Sekunden dauert.

Naturales Ambiente

Doch freilich liegt die Würze nicht nur in der örtlichen Kürze. Ganz im Gegenteil gibt es in der Zwischenzeit auch schon Apotheken, die halbe Häuserblocks auffressen. Die Apotheke "Zum Löwen von Aspern", in Szene gesetzt von Artec, und die Marienapotheke in Eisenstadt (abermals Purpur) sind solche Beispiele umgreifender Baufreude. Wenn den Quadratmetern so gut wie keine Grenzen mehr gesetzt sind, dann sprießen die Genesungsräume nur so dahin. Das ist Großzügigkeit in allen erdenklichen Aspekten, samt Luft und Licht, ja nicht einmal das Bäumchen im hauseigenen Patio darf fehlen. In Aspern steht ein neugepflanzter Ginko, Eisenstadt hingegen erfreut sich am mitteleuropäischen Seltenheitswert südländischer Olivenbäume.

Symbiosen

Unterm Strich ist eines jedenfalls klar: Apothekenarchitektur umfasst weit mehr als das alleinige Aufstellen irgendwelcher Regale. Mit dem Image von bräunlichen Essenzfläschchen und altersschwachen Holzvertäfelungen ist niemand mehr hinter dem Ofen hervorzulocken. Mut zu gestalterischer Gesundheit lautet das Motto der Stunde. Noch viel wichtiger aber erscheint die Tatsache, dass Pharmazie und Architektur hier eine unnachahmliche Symbiose eingingen, die nicht nur schöne Räume hervorbringt, sondern auch neue Konzepte ermöglicht. Das Resultat ist eine bis heute anhaltende Welle planerischer Konsultation, bei der ausnahmsweise nicht Arzt oder Apotheker gefragt werden, sondern eben der Architekt. Und übrigens: Nebenwirkungen sind erwünscht.
(Der Standard/rondo/10/03/2006)

Schuld daran ist die Architektur. Wojciech Czaja hat die Nebenwirkungen zusammengefasst.
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    Apotheke im Grazer Stadtmuseum

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