Fensterputzen

26. April 2007, 16:24
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Solange man es nicht selber machen muss, kann man schlecht dagegen sein - Oder: Grauschleier als Schutz vor neugierigen Blicken

+++Pro
Von Christian Schachinger

Warum man fürs Fensterputzen sein sollte? Solange man es nicht selber machen muss, kann man schlecht dagegen sein. Man erinnert sich allerdings an unschöne Szenen in einer eigenen, im vierten Stock gelegenen Wohnung, von der aus man gegenüber auf selber Höhe regelmäßig eine Nachbarin dabei beobachten konnte, wie sie sich im Altbau-Fensterstock stehend an einer Hand am Fensterkreuz festhielt, um die widersinnig nach außen aufschwingenden Fensterladen zu putzen. Raumflucht! Beim Unglück anderer Leute außerhalb des Fernsehens zuzusehen, dafür ist man dann doch zu zartfühlend gebaut.

Allerdings darf man in diesem Leben, das uns gerade auch angesichts nach außen öffnender Fenster nur ein Mal gegeben ist (Vermutung!), keinesfalls gegen Klarsicht und Transparenz eintreten. Der Verfall der Sitten dokumentiert sich nach außen eben auch über jene Fenster zur Seele, die mit der eigenen Person nur mittelbar zu tun haben. Man möchte auch nie wieder, dass fremde Leute in einer anderen einstigen Wohnung im Erdgeschoss an die Tür klopfen und fragen, ob diese Behausung leer stünde, die Fenster seien so verdreckt.

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Contra---
Von Karl Fluch

Ich könnte ganz banal mit latenter Höhenangst dagegenhalten. Was heißt banal? Mir wird schon schwindelig, wenn ich mich in melancholischen Anwandlungen als "shoegazer" betätige und an mir hinabblicke. Tatsächlich schießt mir das Blut in die Füße, wenn ich nur jemanden anderen am Fensterbrett stehen und putzen sehe: Blutsstiefel, wie wir Akrophobiker das salopp nennen.

Mit denen ist weder gut gehen, geschweige denn Fenster putzen. Fenster putzen setzt außerdem voraus, dass man aus dem Fenster sehen möchte. Menschen ohne Vorhänge haben aber keinen anderen Schutz vor den Blicken neugieriger Nachbarn als jenen Grauschleier, den Witterung und Umweltverschmutzung an die Scheibe zaubern und beständig nähren. Ein natürlicher Schutzschild, kostengünstig und biologisch abbaubar. Außerdem ist dieses Frühlingsritual eine Sisyphusarbeit. Kaum hat man sich mittels "Pffft-Pffft" und "Wisch-Wisch" ein wenig Durchblick verschafft, kommt ein Regenguss, ein Auto fährt durch eine Pfütze, ein Hund hebt sein Beinchen - und alles beginnt von vorne. Habe ich vergessen zu erwähnen, dass ich wegen meiner Höhenangst im Souterrain lebe?
(Der Standard/rondo/10/03/2006)

  • Artikelbild
    foto: der standard/matthias cremer
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