Öffentlicher Druck verwischt braune Flecken

9. März 2006, 19:27
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St. Wolfgang distanziert sich von NS-Ehrenbürger - Lambach beharrt

Linz - Die Unterschriftenaktion, mit der zahlreiche Prominente aus Wissenschaft und Kultur ihre Stimme gegen Ehrungen nachweislicher NS-Denunzianten in den beiden oberösterreichischen Gemeinden Lambach (Wels-Land) und St. Wolfgang erhoben haben, zeigte bereits einen Tag nach der Veröffentlichung Wirkung: In St. Wolfgang reagierte man am Mittwoch prompt und gab der Promenade am See einen neuen Namen. Selbige war über Jahrzehnte nach dem ehemaligen Gemeindearzt Franz Xaver Rais (1899 bis 1972) benannt. Rais war ab 1933 NSDAP-Mitglied, trat später der SA bei und denunzierte nachweislich eine Jüdin. Mittwochvormittag stellte sich der Bürgermeister von St. Wolfgang, Johannes Peinsteiner (ÖVP), auf STANDARD-Anfrage noch voll hinter seinen Ehrenbürger: "Ja er war ein Nazi, aber er ist und war auch einer der wertvollsten Menschen unserer Gemeinde".

"Belasteter" Arzt

Wenige Stunden später dann die Kehrtwende: "Wir wollen keine Diskussionen, die Rais-Promenade heißt ab sofort nur mehr Doktor-Promenade", verkündete Bürgermeister Peinsteiner. Entscheidend dürfte vor allem der Druck der Landespolitik gewesen sein. SPÖ und Grüne sprachen sich für ein "Ende der Ehrung von NS-Denunzianten" aus. Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer (ÖVP) mahnte, dass "jede Art von NS-Verherrlichung strikt abzulehnen sei". Uneinsichtig zeigt man sich indes in Lambach. Die Malerin und nachweisliche NS-Denunziantin Margarethe von Pausinger (1880 bis 1956) ist bis heute Ehrenbürgerin der Gemeinde. "Von mir gibt es dazu keinen Kommentar mehr", zeigt sich ÖVP-Vizebürgermeisterin Christine Oberndorfer auf STANDARD-Anfrage wortkarg.

Weitere Diskussion um Personen

In einer weiteren Diskussion um Personen mit NS-Vergangenheit wird es jetzt neuerliche Untersuchungen geben. Nachdem ein Gutachten des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes (DÖW) den Psychiater, Nobelpreisträger und Namensgeber der oberösterreichischen Landesnervenklinik Julius Wagner-Jauregg als "belastet" einstufte, wird sich jene Expertenkommission, die im Vorjahr zu einem anderem Ergebnis gekommen war, erneut zusammenfinden. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD Printausgabe 9.3.2006)

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