Lasset uns gemeinsam bangen

17. September 2006, 17:33
7 Postings

Die Vogelgrippe als Zukunftsfrage: Wenn nichts sicher ist, ist alles möglich

von Otto Ranftl

Schon wieder Vogelgrippe. Die Frage der Fragen ist aber noch nicht beantwortet: Müssen wir uns jetzt fürchten oder nicht? Veterinäre, Virologen und Legionen von Menschen in aller Welt, die sonst noch etwas zur Sache beitragen können, beschäftigen sich seit Jahren damit und dann wissen wir - nichts.

Wildgänse, Enten und Schwäne hingeschieden, die Bilder waren, zumal für den Tierfreund, schwer auszuhalten, aber das ging noch. Von diesen Tieren kann sich der Mensch, zumal der urbane, einigermaßen leicht fern halten. Aber jetzt sind auch die Katzen dran. Wir lernen, dass man sie gar nicht tagelang im Labor mit verseuchtem Futter vollstopfen muss, damit sie sich mit dem Virus infizieren. Plötzlich machen wir uns Sorgen. Davor waren wir in Angst, die Tauben könnten das Virus vom nächsten Dach auf uns fallen lassen. Und da war, fast schon überwunden, noch die Unsicherheit mit dem weichen Ei zum Frühstück.

Gieren nach Antworten

Das Problem ist, dass das Gieren nach Antworten mit innerer Informationsverweigerung abwechselt. Anders ist ja wohl kaum zu erklären, dass ganze Hendln in den Kühlvitrinen der Geschäfte mehr und mehr liegen bleiben, die Filetstücke sich aber unverändert verkaufen.

So wird das Dilemma deutlich: Wir haben gelernt, dass es kein verseuchtes Hühnerfleisch geben kann, weil es bei uns ja keine kranken Hühner gibt und das Virus überdies den Kochvorgang nicht überleben würde. Gleichzeitig misstrauen wir den Fachleuten - und beruhigen uns, indem wir uns "die Gefahr" zumindest nicht direkt vor Augen führen.

Die Experten haben auch allen Anlass gegeben, ihnen nicht ohne Weiteres über den Weg zu trauen. Nur nicht aufregen, es kann jetzt eh nichts passieren, wurde uns ebenso ausgerichtet wie Warnungen, dass das Virus in diesem Moment einen entscheidenden Schritt auf uns zu gemacht habe.

Der deutsche Landwirtschaftsminister Seehofer hat sich letzterer Denkschule verschrieben, zwei weitere infizierte Katzen auf Rügen bestärken ihn in seiner Meinung. Maria Rauch-Kallat ist in Österreich dagegen mehr um Beruhigung bemüht. Wenn sie Recht hat, muss er wohl Unrecht haben - und umgekehrt.

Nichts Genaues weiß man also nicht

Nichts Genaues weiß man also nicht, große Fehler sind im österreichischen Krisenmanagement aber noch nicht gemacht worden. Gelegentlich hat der Beobachter aber schon das Gefühl, dass die Behörde durch das Problemfeld mehr stolpert als zielgerichtet voranschreitet. Die Bevölkerung in Nickelsdorf hätte das Ministerium getrost darauf vorbereiten können, dass das Quarantänezentrum im Notfall genützt werden wird. Gewöhnlich veranstaltet man da rechtzeitig einen Tag der offenen Tür und informiert offen über die Sicherheitseinrichtungen - dann kommt eine notwendige Maßnahme auch als richtiger Schritt an.

Angst zu haben ist angesagt

Freilich: Wenn alles möglich ist, ist nichts sicher. Und über allem schwebt das Wort Pandemie, wer sich dann nicht fürchtet, dem ist nicht mehr zu helfen. Wenn Tierpfleger, Feuerwehrmänner und Soldaten verhüllt vor die Fernsehkamera treten wie im Mittelalter Pestärzte und Seuchenknechte, dann ist es augenfällig: Angst zu haben ist angesagt.

Wir dürfen nicht salopp darüber hinweggehen: Die Vogelgrippe ist nach wie vor eine Tierkrankheit, Menschen können sich jedoch anstecken, und dann liegt die Sterblichkeitsrate bei rund 50 Prozent. Seit 2003 ist die Zahl der Todesopfer weltweit auf 96 gestiegen. An der Humangrippe sterben zwar allein im kleinen Österreich 3000 bis 6000 Menschen jährlich. Ist dieser Vergleich aber beruhigend?

Was wird morgen mit dem Virus los sein?

Bei näherer Beschäftigung zeigt sich: Die Wissenschaft hat eine Menge Daten zu H5N1 gesammelt. Wir Konsumenten nehmen diese bloß äußerst selektiv auf. Eigentlich wollen wir ja auch nur eine einzige Frage beantwortet wissen: Was wird morgen mit dem Virus los sein?

Keine Antwort möglich, aber wir werden es erleben - bis dahin gilt es weiter, zu bangen und zu hoffen. (Otto Ranftl, DER STANDARD Printausgabe 9.3.2006)

Share if you care.