Pandaemonium Austriacum

27. März 2006, 19:13
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Antonio-Fian-Dramolette im Nestroyhof

Wien - Wo zwischen Wirtshaus, News-Tower und Bildungsministerium die österreichische Realität Urständ feiert, da muss sich die Kunst, um sich zu behaupten, mitunter an dieser Wirklichkeit rächen. Mit seinen in der Tradition eines Karl Kraus stehenden sprachkritischen Arbeiten - besonders in den szenischen Kurztexten - stellt Antonio Fian kleine und große Verbrechen am Geist und besonders an der Sprache bloß.

In den letzten Jahren wurden Fians oft aus bereits bestehendem, seine Urheber schwer belastendem Material montierte Dramolette, die in unregelmäßiger Regelmäßigkeit im STANDARD erscheinen, häufiger fürs Theater adaptiert. Nach zwei kürzeren Probeläufen im Volkstheater-Foyer inszeniert Frédéric Lion im Nestroyhof Fian nun erstmals Abendfüllend.

Fian hat das Theater nie gesucht, dafür scheint es ihn gefunden zu haben. Die 20 gezeigten Dramolette funktionieren überwiegend ausgezeichnet. Auch ältere Arbeiten, deren Protagonisten beinah vergessen sind, haben erstaunlicherweise Bestand.

Hier offenbart sich eine Qualität in Fians Texten, die den tagesaktuellen Bezug bisweilen weit übersteigt: Sie bringen österreichische Befindlichkeiten, ob nun die des Stammtischs oder die der so genannten intellektuellen Eliten, allgemein gültig auf den Punkt. Spätestens bei Bier und Wein liegen sich sowieso alle in den Armen. Selbst die Hunde saufen. Und die, die es nicht tun, werden skeptisch beäugt. Wo es so drastisch zugeht, muss die Regie umso größeres Fingerspitzengefühl beweisen. Das tut sie: Die Übersiedlung der Texte vom Zeitungspapier auf die Bühne des temporär bespielbar gemachten Nestroyhofs fügt dem heiklen Transportgut nicht nur keinen Schaden zu, durch die Schauspieler werden die Stichwortgeber der Texte sogar gleichsam wieder zum Leben erweckt.

Das teils aus Volkstheater-Akteuren rekrutierte Vierergespann Fritz Hammel, Eduard Wildner, Vera Borek und Birgit Doll hat sichtlich seinen Spaß an den Dramoletten sowie dem Einakter Bussi, Kant oder der Rückfalltäter und überzeugt als anonymer Herr und Frau Österreicher ebenso wie als Robert Menasse oder Andreas Mölzer.

Selten geht dabei die Rampensau mit den Schauspielern durch. Natürlich müssen Fian-Texte auch auf Pointe gespielt werden, denn sind sie nun mal lustig. Aber die Herausforderung für Regie und Darsteller besteht darin, den Ernst hinter der Satire nicht ganz unter Gaglawinen zu verschütten. Hier wurde gute Arbeit geleistet.

Am Ende ist einem dennoch leicht schwindlig vor lauter Brandauers und Hellers und Pluhars, die ein Wiener Intellektuellenpaar selbst beim Urlaub in Florida zu erkennen glaubt. Umso gewappneter gegen die Auswüchse des österreichischen (Geistes-)Lebens verlässt man diesen schönen Abend. Denn die Wirklichkeit macht weiter. So schnell wird Fian der Stoff nicht ausgehen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.3.2006)

Von
Sebastian Fasthuber
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