Gerichtsgeschichte: Geschütteltes Baby

10. März 2006, 09:36
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"Sie hat mich allein gelassen mit beiden Kindern" - Allein auch mit der Eifersucht auf den Bruder

Wien - Michael (19) wird wegen schwerer Körperverletzung mit Dauerfolgen zu vier Jahren Haft verurteilt. Er hat den Säugling Alexander, seinen Neffen, an den Armen hochgehoben und so lange geschüttelt, bis er ruhig war.

Kind wird behindert bleiben

Michael hat es mehrmals getan, oft minutenlang, immer heimlich, wenn seine Lebensgefährtin Nicole, die Mutter des Babys, außer Haus war. Im Prozess überrascht er mit einem Geständnis zum Tatmotiv, das in Fällen von Kindesmisshandlung selten zu hören ist. "Es war der ganze Hass in mir", sagt er. Den hat er hinauszuschütteln versucht. - Das Kind wird wahrscheinlich blind und in Sprache und Motorik behindert bleiben.

"Ausgezuckt" nach Seitensprung

Michael war 16, als er Nicole kennen lernte. "Am Anfang ist es gut gelaufen", erzählt er. Dann habe sie ihm einen Seitensprung gestanden. "Da bin ich ausgezuckt", gibt er zu. Die Polizei war da, er durfte die Wohnung nicht mehr betreten. Aber sie probierten es noch einmal. Nicole wurde schwanger, Kevin kam zur Welt.

"Ich weiß, wie man Kleinkinder behandelt", sagt der Angeklagte: "Man muss behutsam mit ihnen umgehen." Und wenn man sie schüttelt und dabei den Kopf nicht stützt? "Da kann man ihnen das G'nack brechen", weiß Michael. Dem kleinen Kevin war er ein guter, bekümmerter, fürsorglicher Vater, bestätigt Nicole als Zeugin.

Vaterrolle für das Kind des Bruders

Sie aber verliebte sich ausgerechnet in seinen Bruder, lebte vier Monate mit ihm zusammen - und war wieder schwanger. "Für mich ist eine Welt zusammengebrochen", sagt der Angeklagte. "Ich habe Hass empfunden, auf alle, auch auf mich." Aber er wollte Nicole nicht verlieren - und war bereit, die Vaterrolle für das Kind seines Bruders zu übernehmen.

Seine letzte schöne Erinnerung war Alexanders Geburt. "Wenn man bei so was dabei ist, vergisst man alles rundherum", sagt er. Der Alltag brachte es rasch wieder in Erinnerung. Michael kehrte von der Arbeit heim, Nicole wollte auch einmal außer Haus. "Sie hat mich allein gelassen mit beiden Kindern", klagt Michael. Allein auch mit seinem Misstrauen und der Eifersucht auf den Bruder.

Dazu schrie der kleine Alexander. "Ich hab ihn nicht stillbekommen", sagt Michael. "Da ist der Faden gerissen." Er hat ihn hochgehoben und geschüttelt. Er konnte nicht aufhören. "Die Wut war zu stark." (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 9.3.2006)

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