Suche nach der passenden Krebsmaus

15. März 2006, 14:15
1 Posting

Neues Ludwig-Boltzmann-Forschungsinstitut wurde Mittwoch in Wien eröffnet

Wien - Wie bringt man Licht ins Erkenntnisdunkel der Krebsentstehung? Die ehemalige Euphorie, wonach man durch Kenntnis der Funktion einzelner Onkogene (Krebs auslösende Erbgutschnipsel) die bösartigen Erkrankungen verstehen könnte, ist verflogen. Zu viele Gene und Regulationsmechanismen spielen dafür eine Rolle, wie man aus bisherigen Studien weiß. Was nun also her muss, sind neue Mausmodelle für Krebsleiden. Und genau dieser Herausforderung stellt sich das Mittwoch in Wien eröffnete neue Ludwig-Boltzmann-Institut für Krebsforschung.

"Wir sind 21 Leute in sechs Arbeitsgruppen. Die Ludwig-Boltzmann-Gesellschaft fördert uns mit rund 1,4 Millionen Euro im Jahr. Aus sonstigen Förderungsmitteln kommen noch 180.000 Euro. In vier Jahren erfolgt eine Evaluierung. Unser Institut hat eine geplante Laufzeit von sieben Jahren", zählte der Direktor der neuen Einrichtung, Richard Moriggl, die Eckdaten auf. Die Einrichtung - mit Beteiligung des Instituts für Molekulare Pathologie (IMP), des Forschungszentrums des St.-Anna-Kinderspitals, der Medizinischen Universität Wien sowie der Biotech-Unternehmen TissueGnostics und Cell Danube - ist Teil der neuen Strategie der Boltzmann-Gesellschaft. "Es wurde in Inhalt und Struktur neu geschaffen. Die Auswahl erfolgte 2004 im Rahmen einer internationalen Evaluation der eingereichten Ideen", erklärte Geschäftsführerin Claudia Lingner.

"Wir bauen eine Technologieplattform auf, mit der wir neue Krebsmodelle bei Mäusen etablieren wollen", verriet Moriggl das wichtigste Ziel: "Die verschiedensten an der Krebsentstehung beteiligten Gene sollen bei ihnen induzierbar sein, in bestimmten Geweben aktiviert und abgeschaltet werden können."

Beispiel sind etwa das Ewing-Sarkom, eine besondere Knochenkrebsform bei Kindern, und eine Unterart der B-Zell-Leukämien (B-ALL), die ebenfalls Kinder betrifft. "Krebserkrankungen sind bei Kindern wesentlich seltener als bei Erwachsenen", veranschaulichte Heinrich Kovar, wissenschaftlicher Leiter des St.-Anna-Forschungszentrums: "Während es bei Erwachsenen im Rahmen der Krebsentstehung wahrscheinlich zu einer Anhäufung einer größeren Anzahl von genetischen Veränderungen kommt, sind bei Kinder oft nur ganz wenige Mutationen dafür verantwortlich. Doch trotzdem gibt es für diese Erkrankungen praktisch keine Tiermodelle."

Gene einschleusen

Transgene Mäuse, in deren Erbsubstanz man von außen über Arzneimittel oder andere Transportvehikel (etwa Viren) in ihrer Aktivierung kontrollierbare Gene einschleust, die bei Krebs eine Rolle spielen, sollen hier zur Aufklärung der Ursachen und zur Entdeckung von potenziellen Zielen für eine Therapie führen. Am Boltzmann-Institut will man für Kinderkrebserkrankungen entsprechende Mausmodelle etablieren, in denen man die Funktion von zwei, drei oder sogar noch mehr beteiligten Genen untersuchen kann.

Von den vielen möglichen Tumorerkrankungen bei Erwachsenen will sich das neue Wiener Institut vor allem Prostata- und Leberkrebs widmen. Auch hier sollen neue Mausmodelle ausgetüftelt werden, in Folge ist auch an die Entwicklung möglicher Krebsvakzine gedacht. (APA, fei/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9. 3. 2006)

Share if you care.