Jugend unter dem Einfluss der Wolfsmilch

14. März 2006, 17:09
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Zeitungen wieder auf Linie gebracht

Peking - Als der Volkskongress vergangenen Sonntag seine zehntägige Parlamentssitzung in Peking aufnahm, wunderten sich die Zeitungsleser. Landesweit erinnerten die Gazetten an den braven Soldaten Lei Feng, eine Art maoistischer Musterknabe, der 1962 mit 22 Jahren gestorben war. Am 5. März 1963 forderte Mao Tse-tung sein Volk auf, von Lei Feng zu lernen.

Der wollte ein Schräubchen im Dienst des Sozialimus sein. Und nie hätte er gewagt, seine geliebte Partei infrage zu stellen. Die KP lässt nun an diese Tugenden erinnern. Zuerst allerdings ließ sie Dissidenten verhaften und Zeitungen disziplinieren. Vergangene Woche ging sie hart gegen die Jugendzeitung des kommunistischen Jugendverbandes vor. Deren Redakteure hatten sich ganz und gar nicht wie Lei Feng benommen. Dafür wurden sie bestraft. Nach fünfwöchigen Ausfall erschien die Jugendzeitung wieder mit ihrer Wochenbeilage Bingdian ("Gefrierpunkt"). Das Debattenforum hatte sich indes verändert. Sein Redakteur Li Datong und der Reporter Lu Yuegang waren gefeuert. Die Titelseite füllte eine fade Polemik des 67-jährigen Pekinger Historiker Zhang Haipeng gegen unmarxistische Überlegungen des Kantoner Philosophen Yuan Weishi. "Er führt unsere Jugend auf schlimme Abwege."

Zhangs Ideologiekauderwelsch erschien unter dem Titel: "Antiimperialimus und Antifeudalismus sind die Hauptthemen der neueren Geschichte Chinas." Pekings oberste KP-Führung hatte den pensionierten Institutsdirektor der Akademie für Sozialwissenschaften reaktiviert. Sie ließ am Einzelfall der Jugendzeitung ein Exempel zur Abschreckung ihrer zu kritisch gewordenen Medien statuieren. Zhang sollte einen am 11. Januar in der Beilage Bingdian erschienenen Essay "Modernisierung und historische Lehrbücher" und den Verfasser Yuan Weishi attackieren.

Der Kulturstreit berührt den Nerv der Partei: ihre Kontrolle über die Medien, die Erziehung der Jugend und ihre Legitimation aus der Geschichte. Der 75-jährige Philosoph Yuan von Kantons Sun-Yatsen-Universität hatte das manipulierte Geschichtsbild in den heutigen Schulbüchern angeprangert. Mit unvollständigen Fakten würden die 150 Jahre seit dem Opiumkrieg einseitig als pure Abfolge geplanter imperialistischer Einfälle und Demütigungen ausgebreitet. Verschiedene Volksaufstände (Boxer) würden dagegen als patriotischer Widerstand glorifiziert, ohne die Schüler über ihre Exzesse - vom Fremdenhass, religiösen Fanatismus bis zur Kulturbarbarei - aufzuklären. China brauche eine Schulbuchdebatte, fordert Yuan: "Wir wissen heute, dass eine der wichtigsten Ursachen für die Katastrophen und Verfolgungen der Fünfzigerjahre bis zur Kulturrevolution in der Erziehung lag: Wir sind mit Wolfsmilch aufgezogen worden. Nach 20 Jahren entdecken wir in den Lehrbüchern für Mittelschüler, dass unserer Jugend weiter Wolfsmilch eingeflößt wird."

Den KP-Führern um Hu Jintao war das zu viel. Die Jugendzeitung verbreitet seit Mittwoch wieder, dass China vor 1949 vom Kampf gegen Imperialismus und Kolonialismus geprägt war. (erl, DER STANDARD, Print, 9.3.2006)

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    Die KP will, dass die Chinesen wieder vom braven Soldaten Lei Feng lernen.

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