Erfahrung und Adrenalin: Die Wiener Symphoniker auf Tournee

8. März 2006, 19:37
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Mit Chefdirigent Fabio Luisi und Klavierstar Lang Lang bereiste das Orchester gerade Kroatien, Slowenien und Ungarn

... und tat damit etwas für seine Reputation. Tourneen fordern allerdings von den Musikern auch "Nehmerqualitäten".


Wien, Montag, 8:30 Uhr. Tourneebedingt beginnt die Symphonikerarbeitswoche etwas früh. An der Rückseite des Konzerthauses warten zwei Busse, die sich langsam füllen und dann Richtung Flughafen entschwinden. Im Grunde jedoch alles sehr unspektakulär: Abreise, Anreise, Einchecken, Auschecken – wären da nicht jene zwei Stunden, auch Konzert genannt, die Leistungen wie beim Spitzensport verlangen. "Physische und psychische Präsenz sind enorm gefordert", so Pressesprecher Christoph Kufner,

Mit Zwang könne man dabei natürlich nichts erreichen, so Florian Zwiauer, Konzertmeister des Orchesters. Diesem Druck könne man nur mit Erfahrung und solider handwerklicher Basis begegnen – und mit dem ständigen Kontakt zum Instrument.

Zagreb, Vatroslav Lisinski Hall, kurz nach 22.00 Uhr. Das Konzert mit einer umjubelten Interpretation von Chopins Erstem Klavierkonzert durch den Virtuosen Lang Lang und Schumanns Frühlingssymphonie ist zu Ende. Die Musiker gehen in ihre Garderoben oder zu ihren als Spinde fungierenden Instrumentenkästen, ziehen sich um und rauschen mit dem Bus ins Hotel ab. Regeneration ist angesagt. Manche gehen schwimmen, manche gleich ins Hotelzimmer. Andere relaxen bei einem Fläschchen Wein.

Kleine Tricks

Kaum etwas lässt erahnen, dass sie kurz zuvor den für sie zwar vertrauten, aber immer neu zu bestehenden instrumentalen Drahtseilakt gemeistert haben. "Es gibt Tricks. Nie die Fassung verlieren, wenn etwas nicht läuft, oder sich die Kräfte einteilen", so Zwiauer. Er selbst habe durch seine Körpergröße etwas Probleme mit den Stühlen; die Sitzposition für Geiger sei oft nicht die beste für den Rücken.

Der Umgang mit diesen Problemchen gehört zum Tourneealltag – auch für Heinrich Bruckner, den Solotrompeter des Orchesters. Wie übt man als Trompeter im Hotelzimmer? Indem man die Töne mit dem TV-Geräusch übermalt. Die Menschen seien laute Fernseher offenbar gewöhnt, mehr als laute Trompeten, so Bruckner. Er gehört zu jenen, die auch durch Sport versuchen, Stress gar nicht erst aufkommen zu lassen. Zudem: Eine gute Vorbereitung nicht nur der eigenen, sondern auch die Kenntnis der anderen wesentlichen Orchesterparts vermittle Sicherheit, meint Bruckner.

Die Laufrunde

Ergänzt werde die Vorbereitung durch die regelmäßige Laufrunde, die nicht nur der Atmung und der Fitness gut tue, sondern auch der mentalen Ebene. Gerade als Solotrompeter stehe man enorm im Rampenlicht. Da müssen sich die natürlichen Formschwankungen in einem begrenzten Rahmen halten.

Anders der erste Solocellist Walther Schulz: Sich vor einem Konzert auszuruhen und zu entspannen gehöre zu Fixpunkten des Tourneealltages. Die Erfahrung als langgedienter Orchestermusiker sei ebenso wichtig wie die Reisequalität bei einer Tournee. Der Kollektivvertrag der Wiener Symphoniker kommt den Musikern dabei entgegen. Vorgeschriebene Ruhezeiten (inklusive Ruhetag) und ein Mindeststandard bei Hotels lasse die stressbedingten Formschwankungen nur sehr gering ausfallen. Zudem sind Nebenbeschäftigungen in der Kammermusik sogar ausdrücklich erwünscht.

Wenn sich die Hektik eines Reisetages wirklich einmal bis auf die Bühne fortpflanze – etwa, weil die Einreisebedingungen kompliziert sind oder die bestellten Zimmer erst kurz vor dem Transfer in die Konzerthalle frei werden – müsse sich dies jedoch nicht unbedingt negativ auswirken. "Unser Beruf ist sehr geheimnisvoll", so Zwiauer.

"Sei es Adrenalin oder seinen es Endorphine, Tatsache ist, dass uns die enorm hohen Anforderungen an uns selbst auch in schwierigen Situationen zu Höchstleistungen treiben können." Zwiauer warnt in diesem Zusammenhang auch vor den besonders bei Probespielen gern genommenen Betablockern, einer Art Doping. Es wirke zwar beruhigend, dränge zugleich aber auch die Individualität und die Risikobereitschaft zurück.

"Wir brauchen Menschen, die ihre Persönlichkeit in den Dienst der Musik stellen.", fasst der Konzertmeister seine Ansprüche an ein Spitzenorchester zusammen. Dieses harmonische Zusammenwirken eigenständiger künstlerischen Persönlichkeiten aus über zehn Nationen im Sinne einer Wiener Klangkultur steht an oberster Stelle. Dass es manchmal auch Auffassungsunterschiede und Reibungen gebe, sei natürlich. Bei den Konzerten war übrigens nichts davon zu spüren. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.3.2006)

Robert Spoula aus Zagreb
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    Lang-Lang bei Herumalbern

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