"Brokeback Mountain": Norm und Leidenschaft

9. März 2006, 18:56
25 Postings

Ang Lees oscarprämierte Westernmelodram "Brokeback Mountain" erzählt von der unmöglichen Liebe zweier Cowboys

Ein weiteres Mal lotet der aus Taiwan stammende Regisseur die repressive Grundstimmung der US-Gesellschaft aus.


Wien – Zwei Familien sitzen an Tischen in verschiedenen US-Bundesstaaten beisammen. Zwei Männer versuchen mit Mühe und Not, Väter zu verkörpern. Zu Thanksgiving, diesem zutiefst amerikanischen Familienfest, werden die Risse im sozialen Gefüge an sinnträchtigen Details deutlich. Entzündet sich auf einem Schauplatz ein Schlagabtausch über den laufenden Fernseher, wird andernorts eine anekdotische Rede durch das Schnurren eines elektrischen Messers konterkariert.

Ennis Del Mar (Heath Ledger) und Jack Twist (Jake Gyllenhaal) wissen zu diesem Zeitpunkt längst, dass sie ihr Dasein an einer Norm orientiert haben, die ihren inneren Bedürfnissen zuwiderläuft. Innerhalb ihrer Familien nehmen sie bloß Rollen wahr, die ihnen das gesellschaftliche Umfeld auferlegt hat. Sie leben nicht so, wie sie gerne leben würden. Die beiden Männer unterdrücken die Leidenschaft, die sie füreinander empfinden.

Ang Lee ist ein Experte für Bilder, in denen sich so etwas wie das Unbehagen in der Kultur ausdrückt. Von der konzentrierten Rick-Moody-Adaption The Ice Storm, in der er den verzweifelten Stillstand einer Mittelstandsfamilie freilegt, über die Jane-Austen-Verfilmung Sense and Sensibility bis zum ungestümen Hulk, aus dem die reine Wut hervorbricht, hat der aus Taiwan stammende Regisseur vor allem im Blick auf die USA ein hohes Sublimierungspotenzial aufgespürt.

Brokeback Mountain, der mit dem leicht schrägen Label versehen wurde, ein schwuler Western zu sein, reiht sich nun in diese Ikonografie trefflich ein: Indem er dem Archetypus des Genres, dem Cowboy, etwas von seiner demonstrativen Virilität nimmt, erzählt er vom Anpassungsdruck einer Gesellschaft. Brokeback Mountain ist deshalb dem Melodram stets näher als dem Western.

Der erste Abschnitt des Films, der vom Zusammentreffen der beiden Männer im Jahr 1963 erzählt, beschwört zwar eine Form von Outdoor-Romantik, verlagert allerdings gleich die Gewichtung. Del Mar und Twist sind auf den kargen Lohn als Schafshüter in den Bergen von Wyoming angewiesen. Lees Augenmerk gilt nicht so sehr den Arbeitsabläufen – die Witterung und monotone Nahrung liefern aber eine Ahnung von den Entbehrungen dieses Alltags.

Das Umfeld der Natur wird zu einem Raum der Introspektion, wo das Männlichkeitsbild des hartgesottenen Viehtreibers ins Wanken gerät. Sie hüten Schafe, fangen einen Hirsch, sitzen am Lagerfeuer und reden. Die Sexszene kommt schließlich eher als Moment der Überwältigung daher. Gleich am nächsten Morgen müssen sich Del Mar und Twist versichern, dass sie nicht schwul sind. In die Berge werden die beiden freilich immer wieder zurückkehren.

Brokeback Mountain erzählt von einer Liebe, die über einen Zeitraum von rund 20 Jahren anhält, die aber nie in geregelte Verhältnisse mündet. Das Drehbuch von Diana Ossana und Larry McMurtry (The Last Picture Show), das auf einer Novelle von Annie Proulx basiert, breitet die Lebenswege der beiden Protagonisten daher parallel zueinander aus und konzentriert sich auf deren Versuch, der Vorstellung eines geordneten Lebens zu entsprechen.

Blick ins Innere

Jack Twist heiratet Lureen (Anne Hathaway), die Tochter eines wohlhabenden texanischen Unternehmers, während Ennis Del Mar mit seiner Frau Alma (Michelle Williams) in bescheidenen Verhältnissen auf einer Farm in Wyoming lebt. Der Lauf der Zeit wird über keine äußeren Ereignisse angezeigt, das Erscheinungsbild der Kinder oder modische Details genügen als Markierungen. Schlaglichtartig erzählen Szenen von den Stationen des Lebens.

Lee verharrt gänzlich in einer Innenperspektive, aber das genügt, um die kulturelle Eigenheit dieses Milieus und Landstrichs sehr präzise zu treffen. Die Repression drückt sich über soziale Konventionen aus – und zeigt sich an dem, was man an sich selbst nicht zulässt, was wiederum nicht bedeutet, dass das Familienleben desavouiert werden muss. Die Frauen üben keinen Druck auf ihre Männer aus. Ihre Liebe bleibt unerwidert.

Wie in jedem Melodram wird auch in Brokeback Mountain das Glück von einer äußeren Instanz definiert. Indem Lee zwei Außenseiter in der Mitte der Gesellschaft scheitern lässt, legt er ihr ganzes Unglück offen. Twist, der aktivere Part der beiden, nimmt es immer wieder auf sich, für ein paar Tage nach Wyoming zu seinem Geliebten zu fahren. Del Mar bleibt die tragischere Figur. Er richtet die Gewalt zunehmend gegen sich selbst, weil er nicht die Kraft besitzt, seine Liebe zu leben.

Die Totalen, in denen Lee seine Helden filmt, lassen folgerichtig viel Raum zwischen ihnen frei oder verorten sie an den Rändern der Einstellungen. Was sie voneinander trennt, ist aber in erster Hinsicht immer die Vorstellung von sich selbst. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.3.2006)

  • Artikelbild
    foto: constantin
Share if you care.