Awardismus am Wörthersee

23. Mai 2006, 12:34
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Eine Betrachtung zur Kleiderordnung und anderen Voraussetzungen, um an der World-Spirits-Verkostung oder der Fest-Gala teilnehmen zu dürfen – ein Reise- und Erfahrungsbericht von Vene Maier

Ein Gespenst geht um am Wörthersee – es ist das Gespenst des Awardismus. Der größte Landeshaupmann aller Zeiten und – quasi in Personalunion – größte Eventanreger seit dem Erfinder des Villacher Faschings, vergab an diesem Wochenende, umsorgt von einer Heerschar junger und junggebliebener Römer in originellen Togas samt Lorbeerkränzen, den Kärntner Tourismus-Award, den Wellness-Award und noch andere tolle Auszeichnungen. Gleichzeitig stand auch der World-Spirits-Award zur Vergebung an. Auch ein Ereignis der besonderen Art.

Wolfram Ortner, der Erfinder und grosse Förderer der heimischen Schnapskultur, hat sich wieder mit all seiner nie versiegenden Kraft für die Sache des Edelbrandes ins Zeug, sprich: in ein großkariertes Sakko und passende Krawatte geworfen, wodurch er sich einigermaßen überraschend vom dominierenden Janker- und Jägeroutfit abzugrenzen wusste. Was aber der allgemeinen Kärntner Lustigkeit keineswegs abträglich war. Ganz in der Tradition landeshauptmännischen Auftretens stülpt sich ja auch Herr Ortner gern die eine und die andere Perücke übers Haupt (siehe Foto) und ist dann abwechselnd der Schnaps-Mozart (lustig), der große Whiskybrenner oder der pirateske Rum-Botschafter.

Also reist auch der Journalist aus der Hauptstadt nach Kärnten, um sich die wie immer tolle Galanacht der World-Spirits-Award-Preisverleihung nicht entgehen zu lassen. Aber, Überraschung: Nicht alle Journalisten dürfen teilhaben an diesem Ereignis, weshalb dieser eine gleich zu Beginn aus dem schmucken Saal gewiesen wurde. Nachdem es blöderweise genau mich getroffen hatte, stellte sich quasi unabänderlich die Frage, in welchem Punkt ich wohl gegen die Ordnung verstoßen hatte. Für mich bleibt als Erklärung nur, dass es an der Krawatte liegen musste. Aber ich verspreche, mir nächstes Mal eine umzubinden. Sicher wird sich auch für mich was Lustiges finden. Und am Haarschnitt kann ich ja auch noch arbeiten.

Also hoffe ich auf nächstes Jahr und verspreche, mich dann an die strengen Dresscode-Richtlinien zu halten. Und ich stehe auch nicht an zu versprechen, keine blöden Fragen zu stellen (weil, wie es denen ergeht, die solches tun, hat ja auch der Herr Landeshauptmann schon vorexerziert). Mir genügt es vollauf, dem Meister des Edelbrandes bei seinem wortschöpferischen Vortrag über die neuen (alten) Sieger in der Kunst des Schnapsbrennens und weltweit einzigen Könner auf diesem schwierigen Gebiet zuzuhören. Ich werde dann bereit sein, meine bescheidenen Kenntnisse zu überdenken und mich unter diesen Umständen der Meinung des großen Organisators anzuschließen, dass all jene, die sich nicht der strengen Prüfung Ortnerschen Qualitätsdenkens unterziehen, einfach nicht die Klasse haben, um dort bestehen zu können.

Sicher nicht umsonst wurde dem dürftig drängenden Publikum an den Ausstellertischen auch vor Augen geführt, welch „fehlerhafte“ Schnäpse von sogenannten Schnapsgurus in Umlauf gebracht werden. Auch wenn es sich bei dem an den Pranger gestellten Williamsschnaps von Rochelt um keinen – wie behauptet – typischen Vorlauffehler handelte, darf man so einen kleinen Fauxpas der Jury nicht gleich auf alle Ergebnisse umlegen. Schließlich muss ein Spirits-Award-Juror nicht unbedingt wissen, dass jeder Schnapsbrenner auch schon mal im Leben einen schwächeren Schnaps produziert hat und wie sich Aromaschwäche von einem Brennfehler unterscheidet. Aber es ist den Veranstaltern hoch anzurechnen, dass sie dies mutig der anstürmenden Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht haben.

So agieren nur überzeugte Botschafter des echten und feinen Destillats. Und dass wir jetzt endlich wissen, wer die wahren und einzigen Weltmeister des Schnapsbrennens sind, haben wir jenen furchtlosen Männern zu verdanken, die sich jetzt schon zum zweiten (oder gar dritten?) mal der analytischen Kenntnis und Beurteilung des großen Schnaps-Botschafters unterworfen haben. Dass es sich dabei um das immer gleiche halbe Dutzend durchaus seriöser Schnapsbrenner handelt (wobei sich nur ein kleiner Schatten über die Veranstaltung legt, indem zu vermerken ist, dass Schnapsbrenner, Juroren und Preisträger weitgehend ident sind – siehe Foto oben), liegt wohl daran, dass sich die restlichen zweihundert guten Schnapsbrenner ein Beispiel am Organisator nehmen, und zu der World-Spirits-Verkostung keine Brände einreichen.

Wobei ich – in juristischer Vorsicht – nichts behaupten möchte, das Herrn Ortner zu einer der schon öfters angedrohten Klagen veranlassen könnte. Vielleicht ist es ja auch so, dass die über die Grenzen bekannte WOB-Destillerie, die mit ihrem einzigartigen Nockalm-Single-Malt-Whisky diese Kategorie sicherlich dominieren würde, in Wahrheit an der Verkostung teilnimmt. Und die Ergebnisse nur aus Gerechtigkeitssinn oder um den anderen die Podestplätze nicht streitig zu machen, bescheiden zurückhält? Wer kann das schon wissen?

Ich jedenfalls nicht. Wie ich auch nicht wissen konnte, welcher Dresscode vorgeschrieben war. Darum mein Ersuchen an die Organisation: Nächstes Jahr bitte die genauen Verhaltens- und Bekleidungsvorschriften bekannt geben. Damit die Reise aus der Hauptstadt nicht wieder vor den Toren der World-Spirits-Gala ein Ende findet. Danke!

Von Vene Maier
  • In Personalunion: Veranstalter, Juroren und Sieger
    foto: www.world-spirits.com

    In Personalunion: Veranstalter, Juroren und Sieger

  • Immer lustig und originell: Wolfram Ortner
    foto: www.world-spirits.com

    Immer lustig und originell: Wolfram Ortner

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