Magie der Möbel durch freies Gestalten

8. März 2006, 20:12
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Demnächst bei Christie's: ein außergewöhnliches Möbel des Architekten Gio Ponti mit Dekorationen von Piero Fornasetti

Im Rahmen der nächsten Designauktion offeriert Christie's in London ein außergewöhnliches Möbel des Architekten, Designers, Malers und Verlegers Gio Ponti mit Lithografie-Dekorationen von Piero Fornasetti.


Gio Ponti – dem Architekten, Designer, Maler, Verleger, künstlerischen Direktor der Manufakturen Richard Ginori (Keramik) und Venini in Murano (Glas) – sind auch wegen der Vielseitigkeit mehrere Kapitel der Designgeschichte gewidmet. Insofern ist er in der Welt des Kunstmarktes schon lange keine unbekannte Größe, sondern eher ein Vertreter in der Kategorie Standard. Im Frühjahr vergangenen Jahres widmete Sotheby's Mailand dem Vater der italienischen Architektur der Moderne eine Auktion: 72 Objekte spielten knapp 1,5 Millionen Euro ein.

Zu den höchstdotierten Werken zählte ein Schreibtisch in Nussbaumwurzel (84.000 Euro) sowie das für das Scheloja-Appartement ausgeführte Paar Spiegelkabinett (1929), das für 102.000 Euro den Besitzer wechselte. Am 23. 3. hält Christie's in London bei "20 Century Decorative Art and Design" 25 Ponti-Exponate bereit.

Ein Teil dieser Offerte entstammt der Inneneinrichtung, die der Designer 1950 für das Haus die Büroräumlichkeiten der Familie Ceccato entwarf. Ponti hatte für dieses Projekt seitens der Auftraggeber völlige Experimentierfreiheit erhalten und holte sich seinerseits einen bereits anerkannten Designer der nächsten Generation – Piero Fornasetti.

Aufmerksam wurde der 20 Jahre ältere Designer auf den jungen Fornasetti 1940, als er handbedruckte Seidenschals für die 7. Triennale in Mailand einreichte. Noch im selben Jahr beauftragte Ponti Fornasetti mit Entwürfen. Die ersten größeren gemeinsamen Erfolge feierte man ab Ende der Vierzigerjahre mit der Ausstattung der Mailänder Patisserie Dulciora, gefolgt vom Appartement Lucarno und dem Interieur des Kasinos in San Remo. Sonnen, Fische, Blumen und eine Unmenge an Architekturmotiven bevölkern die gestalterische Welt Fornasettis. Im Trompe-l'Œil- Stil überzog er Alltagsprodukte wie Teller, Tassen, Vasen – und eben auch Möbel – mit seinen Dekorationen. Insgesamt, so beziffert das Dumont- Designlexikon, entwarf er, dem seine mit surrealistischen Effekten und Illusionen spielenden Arbeiten den Ruf eines "Magiers" eintrugen, mehr als 11.000 Dekorationen.

Die Dogmen

Dabei war das autodidaktische Universalgenie aus der Mailänder Kunstakademie Brera exmatrikuliert worden, da er sich weigerte, sich den dort dominierenden pädagogischen Dogmen anzupassen. Höhepunkt der insgesamt 135 Designstücke umfassenden Auswahl ist der von Ponti und Fornasetti 1949/50 entworfene Bücherschrank aus Walnussholz mit Lithografie-Kompartimenten. Ausgeführt wurde das Möbel von Pontis bevorzugtem Tischler, Giordano Chiesa. Die Architekturzitate zeigen Ansichten von Venedig, bei denen Drucke Jacopo de Barberis aus dem 15. Jahrhundert als Vorlage dienten.

Von den Experten wird dieses gelungene Beispiel der Zusammenarbeit von Ponti/Fornasetti auf 88.000 bis 120.000 Euro taxiert. Etwas günstiger ist eine ebenfalls angebotene Musiktruhe (Radiogram) zu haben, dekoriert mit Noten und musikbezogenen Zeitungsseiten. Nur ein Jahr später entwarf Fornasetti jenes Meisterwerk, das heute eine der bedeutendsten Möbelsammlungen Europas, das Londoner Victoria & Albert Museum, beherbergt, und zwar den 1951 entstandenen Sekretär "Architettura".

1998 gelangte dieser gemeinsam mit 200 anderen Objekten aus dem Mailänder Showroom bei Christie's in Los Angeles zur Auktion. Für das Original bezahlte das Museum damals 140.000 Dollar. Die etwa 20 in den Fünfziger- und Sechzigerjahren ausgeführten modifizierten Exemplare sind günstiger zu haben, zuletzt für 52.000 Euro bei Quittenbaum. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.3.2006)

Von
Olga Kronsteiner
  • Artikelbild
    foto: christie's
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