Fluggäste fliegen auf Shopping

28. März 2006, 19:40
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Während manche Flughäfen bis zu 50 Prozent ihrer Umsätze außerhalb der Luftfahrt erzielen, liegt Wien am unteren Ende der Skala

Wien - Flughäfen entwickeln sich immer mehr zu "Marktplätzen des 21. Jahrhunderts". Dieser Trend wird hauptsächlich getrieben vom unter Druck geratenen Kerngeschäft Luftfahrt ("Aviation"), wo wegen der verschärften Wettbewerbssituation Umsätze und Erträge bestenfalls gleichbleiben, so das Ergebnis einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens A.T. Kearney, die heute, Mittwoch, in Wien präsentiert wurde. Der Flughafen Wien habe hier "Nachholpotenzial".

Kundenfreundlicher Erlebnisraum

Wachsen können Flughäfen demnach nur noch im Bereich "Non-Aviation", der Einkaufsmöglichkeiten, Gastronomie, Parkplätze, Werbung, Vermietung sowie Wellness- und Kultur-Angebote am Flughafen umfasst. Um diesen Bereich zu stärken, müsse "der Passagier als Kunde" wahrgenommen werden, der Flughafen müsse zum "kundenfreundlichen Erlebnisraum" werden, sagte A.T. Kearney-Luftfahrtexperte Stefan Höffinger. Airports müssten sich auf gestiegene Konsumentenansprüche einstellen und sich im Wettbewerb der Flughäfen untereinander durch "Unverwechselbarkeit" auszeichnen, so die Empfehlung.

Große Unterschiede in Europa

Ein von A.T. Kearney erstellter Vergleich mittel- und nordeuropäischer Flughäfen zeigt in dieser Hinsicht große Unterschiede. Während Oslo (48 Prozent), Kopenhagen (47), München (45), Zürich (43), Brüssel (37 Prozent) einen hohen Anteil ihrer Umsätze außerhalb der Tuftfahrt erwirtschaften, liegt der Flughafen Wien mit einem Umsatzanteil von 17 Prozent ebenso wie Frankfurt (19 Prozent) und Frankfurt-Hahn (13 Prozent) am unteren Ende dieser Skala. Gemessen an den Ausgaben pro Kopf liegen die Airports München, Zürich, Oslo und Kopenhagen mit Werten zwischen 11 und 8,25 Euro an der Spitze. In Wien werden demnach nur 4,52 Euro pro Person ausgegeben, in Athen 3,93 und in Frankfurt-Hahn 1,43 Euro.

Auch im Shopping & Gastronomie-Umsatz pro Quadratmeter liegt Wien mit 1.648 Euro/m2 2004 deutlich hinter Airports wie Kopenhagen (6.774 Euro), Athen (5.800) und Frankfurt (5.787). Zum Vergleich: Dubai bringt es auf 59.057 Euro/m2.

Vorzeigemodelle

Als europäische Vorzeigemodelle ermittelten die Berater die Flughäfen von Amsterdam, Athen oder Kopenhagen, die sich bereits heute als "Airport Cities" verstehen. Dort gebe es "Erlebniswelten" mit Kinos, Casinos und Wellnessangeboten, in Amsterdam sogar einen Kinderspielplatz und eine 60 m2-Dependance des Rijksmuseums samt Museumsshop. Am Flughafen Athen entstanden ein Shoppingzentrum (Ikea-Möbelmarkt, Elektronik-Megastore) und ein Archäologisches Museum mit Fundstücken während des Flughafenausbaus. Amsterdam habe sich mit einem "Holland Store" mit landestypischen Produkten unverwechselbar positioniert. Als Zukunftsvision gilt der Golf-Flughafen Dubai, um den herum die "Airport City" Jebel Ali samt Wohnhäusern, Universitäten und Golfplätzen entstehen soll.

"Der Flughafen Wien hat jedenfalls Nachholbedarf", so Höffinger. Bis 2008 soll hier das neue "SkyLink"-Terminal entstehen. Mit gut 12.000 m2 neuer Flächen stehe dann doppelt soviel Platz für Non-Aviation zur Verfügung wie bisher.

Seit Jahrhunderten seien die Entwicklung von Verkehrs- und Konsumknotenpunkten Hand in Hand gegangen: Im 18. Jahrhundert waren es die Seehäfen, im 19. Jahrhundert die Bahnhöfe, die im vorigen Jahrhundert von den Autobahnen abgelöst wurden. Logische Konsumknotenpunkte des 21. Jahrhunderts seien die Flughäfen.

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    Studie: Flughäfen im Wettbewerb müssen sich durch Unverwechselbarkeit auszeichnen - Wien nutzt Non-Aviation-Potenzial noch wenig

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