Die Inszenierung eines Frauentags

8. März 2006, 20:38
10 Postings

Alle Jahre wieder bitten alle Parteien zu Messen, Konferenzen und Gipfeln im Namen der Frauen - gut gemeint ist nicht immer gut gelungen

Wien - Den größten Lacherfolg bei der Eröffnung der "Frauenmesse 2006" im Palais Auersperg erntete ausgerechnet Finanzminister Karl-Heinz Grasser. Per Videowall übermittelte er den rund 45 anwesenden Damen, darunter Frauenministerin Maria Rauch-Kallat (ÖVP) und Justizministerin Karin Gastinger (BZÖ), seine Grußbotschaft zum Frauentag. Und obwohl ihm das Wort Gender Budgeting locker über die Lippen ging, kicherten die Eröffnungsgäste Rauch-Kallat und Gastinger unentwegt. Vermutlich lag das daran, dass Grasser voller Enthusiasmus davon sprach, dass Frauen lieber Fitnessstudios, Männer aber lieber Sportstadien nützen - wie eine Berliner Gender-Studie ergeben hatte.

Fotografentermine

Grasser war nicht der einzige, der sich im Rosenkavaliersaal des Palais virtuell der Sache der Frauen annahm. Umweltminister Josef Pröll ("Starke Frauen hat das Land"), Bildungsministerin Elisabeth Gehrer ("Mädchen können mehr"), Kanzler Wolfgang Schüssel ("Glück auf") - sie alle hatten am Dienstag ihren gut gemeinten, aber nicht immer gelungenen Frauenvortagsauftritt.

Der Frauentag - das ist eben auch Pressekonferenzen-, Gipfel- und Aussendungstag. Mehr als 40 Presseaussendungen gingen allein am Dienstag über die Agentur, 15 Termine finden am Mittwoch, am eigentlichen Frauentag, statt - darunter vor allem Fototermine. So präsentiert die ÖVP einen "Fraueninformationsbus", eine ÖGB-Frauendelegation besucht Präsident Heinz Fischer und die Grünen Frauen versammeln sich vor der Pallas Athene vor dem Parlament. Hauptsache, es macht Klick.

Frauentag - das ist auch der Tag des Selbstlobs: Kärntens Landeshauptmann Jörg Haider etwa pries die Kärntner Mütterpension und das Kindergeld. Die Grünen-Frauensprecherin Brigid Weinzinger betonte weniger den Muttertag als den Frauentag - und kritisierte die hohe Frauenarbeitslosigkeit. Ihr Rezept dagegen? Das Ende von Schwarz-Blau-Orange. Parteipolitik geht eben vor Frauenpolitik.

Auch die SPÖ übt sich am Mittwoch in Aktionismus: Unter dem Titel "Schluss mit dem halben Einkommen" laden die SPÖ-Frauen zum Foto-Termin in der Wiener Innenstadt. Tags davor, am Dienstag, verzichtete die SPÖ auf Inszenierung und wählte ein karges Ambiente: Das SPÖ-Stützpunktzimmer im Parlament. Der letzten roten Frauenministerin, Barbara Prammer, und SPÖ-Frauensprecherin Gabriele Heinisch-Hosek war dabei die Aufgabe zugeteilt, die Situation der Frauen zu beklagen: Um 35 Prozent weniger Einkommen, wenig Chancengleichheit.

Die Präsentation der Verbesserungsvorschläge war hingegen Chefsache: SPÖ-Vorsitzender Alfred Gusenbauer versprach 100 Million Euro für die Verbesserung von Kinderbetreuung, 100.000 Ganztagsschulplätze und 100 Millionen Euro für die Qualifizierung von Frauen. Voraussetzung für die Erfüllung dieser Versprechen - die SPÖ kommt nach der Wahl an die Regierung.

Offenes Rathaus

Rot ist bessere Frauenpolitik - diese Botschaft unterstützte auch ein paar hundert Meter weiter Wiens Frauenstadträtin Sonja Wehsely im Rathaus: Im roten Wien seien die Fraueneinkommen höher und Beruf und Familie besser vereinbar. Diesen Zahlen vom Dienstag folgt Mittwoch die Inszenierung: Die Stadtregierung lädt zum "Open Rathaus", einer Mischung aus Information und Unterhaltung, Diskussionen und Kabarett.

Auch die "Frauenmesse 2006" im Palais Auersperg geht weiter. Die Glückwünsche der schwarz-orangen Minister begrüßen die BesucherInnen gleich zu Beginn - in Endlosschleife auf zwei Flat-TV-Screens abgespielt.

"Was sollte da schon schief gehen, bei so vielen guten Wünschen", fragte die Moderatorin bei der Eröffnung euphorisch Rauch-Kallat und Gastinger. Die Antwort kam von einer Frau aus dem Publikum: "Die Realität." (DER STANDARD, Print, 8.3.2006)

Von Eva Linsinger und Barbara Tóth
  • Bild nicht mehr verfügbar
    Frauenministerin Maria Rauch-Kallat und Justizministerin Karin Gastinger lachten bei der Eröffnung der "Frauenmesse 2006" herzlich - und zwar über ihre männlichen Ministerkollegen.
Share if you care.