Geschichte: Rote Nelken unterm roten Stern

7. März 2006, 19:19
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Zwei Frauen aus dem ehemals kommunistischen Kroatien erzählen vom Weltfrauentag

Zagreb/Wien - Frauentag ist Muttertag. "Sretan Osmi Mart ("Schönen 8. März") - einen Gruß und eine rote Nelke, das war der Auftakt für die Feierlichkeiten des Weltfrauentages im kommunistischen Kroatien vor dem Krieg 1991. "Es war ein wichtiger Feiertag, an dem die Frau, die Arbeiterin, die Mutter geehrt wurde."

Die Krankenschwester Marija Marinic, Jahrgang 1956, erinnert sich an den Weltfrauentag und daran, wie sie ihn erlebt hat: "In jeder Schule gab es Aufführungen und danach Geschenke für die Mütter. Bei uns vieren musste meine Mutter ein richtiges Pflichtprogramm absolvieren, sie konnte nicht einfach meinen Vater als Vertretung schicken", erzählt sie lachend.

Von ihrer eigenen Familie wurde sie zum Essen ausgeführt und bekam Basteleien geschenkt. Frauen hatten am 8. März einige Stunden frei oder auch den ganzen Tag. Viele Unternehmen organisierten auch sehr billige Ausflüge für die MitarbeiterInnen.

Heute wie im Westen

Heute ist die Situation der Frauen in Kroatien ähnlich wie im Westen - im negativen Sinn. Frauen verdienen weniger als Männer und auch ihr Anteil in Politik und Spitzenpositionen schrumpft. Als Bozica Prunc-Kiticic, Universitätsprofessorin an der Slawistik in Graz, in den 70er-Jahren nach Österreich kam, sei das in Kroatien gar nicht zur Diskussion gestanden. Vielmehr war die Benachteiligung "ein Schock" für sie.

"Der Frauentag wird heute in Kroatien vernachlässigt, sagt sie. "Initiativen kommen nur von Frauenorganisationen, und das auch von der linken Seite. Wenn man in Zagreb Jugendliche befragen würde, 'Wer ist Clara Zetkin oder Rosa Luxemburg?', bin ich sicher, dass das die wenigsten wissen würden." Früher, erzählt sie, habe man in Schulen am Weltfrauentag die Bedeutung und die Geschichte des Tages durchgenommen.

Der Weltfrauentag wurde 1910 auf der internationalen sozialistischen Frauenkonferenz in Kopenhagen von der Frauenrechtlerin Clara Zetkin ins Leben gerufen. Anfangs galt der 19. März, als Kampftag für das Frauenwahlrecht. Seit 1921 ist es der 8. März. (DER STANDARD, Print, 8.3.2006)

Von Marijana Miljkovic
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