"Von Gleichberechtigung keine Rede"

7. März 2006, 19:26
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Nach vier Jahren ziehen Männer den Frauen bei den Gehältern davon, hat Michael Meyer in einer Studie untersucht. Chefs bevorzugen eben Männer, sagt er im STANDARD-Interview

STANDARD: Sie haben Karrieren von Wirtschaftsakademikerinnen und -akademikern untersucht. Was sind die Ergebnisse?

Meyer: Wir haben damit gerechnet, dass der Karriereerfolg bei Frauen nicht so toll sein wird. Was wir aber in der Vehemenz so nicht erwartet haben, sind die Nachteile von Frauen rein des Geschlechts wegen. Wir haben für die Studie identische Zwillingspaare aus Männern und Frauen gebildet. Beide haben die gleiche Ausbildung, gleiche Persönlichkeitsvariablen wie Führungswillen und gleiche Lebensverläufe - wir haben keine Frauen mit Kindern genommen. Da blieb also keine Ausrede mehr, dass Frauen nicht so erfolgreich sind, weil sie Familie vorreihen. Da bleibt also nur das Geschlecht, das den Unterschied macht. Das führt dazu, dass Frauen in zehn Karrierejahren insgesamt 70.000 Euro weniger verdienen.

STANDARD: Wann klafft die Einkommensschere auseinander?

Meyer: Die Anfangsgehälter sind weitestgehend ident. Wenn Frauen in den Beruf, in unserem Fall ins Management, einsteigen, verdienen sie nicht weniger. Die Schere geht nach vier, fünf Jahren auf - da passiert offenbar etwas. Also dann, wenn es darum geht, attraktive Positionen zu besetzen, Weiterbildung in Anspruch zu nehmen - da steigen die Männer besser aus.

STANDARD: Woran liegt das?

Meyer: Dafür gibt es zwei Erklärungen: dass Frauen nach vier, fünf Jahren nicht mehr bereit sind, sich mit Haut und Haaren dem Beruf zu verschreiben - wobei das mit dem Misserfolgsmuster zu tun hat, dass Frauen an der gläsernen Decke anstoßen und ihre Prioritäten nolens volens verlagern. Die zweite Erklärung ist so etwas wie Homophilie - in großen Unternehmen binden männliche Vorgesetzte männliche Ihresgleichen an sich und statten diese mit besseren Aufstiegschancen aus. Von Gleichberechtigung kann also überhaupt keine Rede sein.

STANDARD: Ist also nicht die Familie das Karrierehemmnis?

Meyer: Das Argument, dass Frauen wegen der Kinder keine Karriere machen, ist ein Kulissenargument - denn viele Frauen, fast 45 Prozent, in unserem Sample haben keine Kinder. Wenn man die Frauen noch dazu nimmt, die ein Kind bekamen und deswegen aussteigen, dann wird die Diskrepanz noch größer. Dann betragen die Gehaltsunterschiede 95.000 Euro in zehn Jahren, wobei sich Berufsunterbrechungen generell negativ auswirken. Die hochgelobte Bildungskarenz oder das Auslandsjahr führen zu massiven Karriereeinbußen.

STANDARD: Fallen Ihnen Änderungsmöglichkeiten für mehr Chancengleichheit ein?

Meyer: Kinder sind immer fiktiv vorhanden. Wenn es österreichweit für 95 Prozent der jungen Eltern selbstverständlich ist, dass die Frau die Kinderpause macht - dann ist das schon eine soziale Norm, die bei Beförderungen immer mitschwingt. Das macht es auch bequemer, weil niemand begründen muss, warum er den Mann vorzieht. (DER STANDARD, Print, 8.3.2006)

Zur Person

Michael Meyer (41) ist Professor für Nonprofit-Management an der Wiener Wirtschaftsuni.

Das Gespräch führte Eva Linsinger.

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    foto: standard/andy urban
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