Anti-Reform-Reflexe

1. März 2007, 15:05
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Die von der französischen Regierung geplante Lockerung des Kündigungsschutzes für Arbeitnehmer unter 26 ist eine grundvernünftige Maßnahme - Von Eric Frey

Frankreich ist eines der europäischen Länder mit einem besonders ausgeprägten Kündigungsschutz. Und Frankreich gehört auch zu den EU-Staaten mit der höchsten Jugendarbeitslosigkeit. Das ist kein Zufall. Dutzende Studien bestätigen, was jeder Unternehmer intuitiv weiß: Wenn man Arbeitnehmer nicht mehr loswerden kann, dann zögert man auch damit, sie anzustellen. Das gilt besonders für Jugendliche, die einem zukünftigen Chef keine Referenzen vorlegen können. Sie anzustellen ist gerade für Kleinbetriebe ein großes Risiko.

Deshalb ist die von der französischen Regierung geplante Lockerung des Kündigungsschutzes für Arbeitnehmer unter 26 eine grundvernünftige Maßnahme, für die sich französische Jugendliche eigentlich bedanken sollten. Besser, einen einmal innegehabten Job zu verlieren, als nach dem Schulabschluss jahrelang ohne Arbeit zu sein.

Die Reform ist auch ein Schritt in Richtung der EU-Lissabon-Agenda: Denn gerade in Ländern wie Frankreich, Italien oder Deutschland gehört ein flexiblerer Arbeitsmarkt zu den Grundvoraussetzungen für das ersehnte stärkere Wachstum.

Doch die traditionellen Anti-Reform-Reflexe funktionieren in Frankreich wie eh und je: Nicht nur die Gewerkschaften, auch weite Teile der Bevölkerung reagieren mit Empörung auf alles, was nach angelsächsischem Neoliberalismus riecht.

Die Proteste gefährden nicht nur die Autorität von Premier Dominique de Villepin, sie stellen auch Europas grundsätzliche Fähigkeit zu jenen Reformen infrage, ohne die sein Arbeitslosenproblem genauso wie sein Wachstumsrückstand gegenüber den USA und Ostasien nur weiter zunehmen kann. Und der Zorn über diese schmerzhafte Entwicklung wird wohl dieselben Menschen später wieder auf die Straße treiben. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8.3.2006)

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